Vielleicht sind die gefährlichsten Aufenthaltsorte für einen Christen Sicherheit und Komfort (Shane Claiborne)

23Feb2014

Kontrolle aufgeben und Sicherheit finden zwischen Moskitos, Malaria und Skorpionen

There's no party like a tropical disease. Mit diesen Worten hat Gabriel seinen Typhus kommentiert, der ihm über Silvester fiebrige Schwindelanfälle beschehrt hat, während die Anderen im Nachtleben Nairobis das neue Jahr begrüßten. Vielleicht nimmt dieser Kommentar solche Krankheiten nicht ernst genug. Und natürlich wirkt dieser Kommentar wie Hohn in den Ohren jener vieler Menschen, die sich nicht mal eben versorgen lassen können, die kein Geld aufbringen können für einen Arzt und für die Typhus mehr ist als ein versautes Silvester.

Aber die eigene Krankheit mit Humor zu nehmen ist wohl eine gute Möglichkeit, um das Durchhaltevermögen aufrecht zu erhalten. 

Ich versuche mich also an die lockeren Worte meines Gastbruders zu erinnern, als mir die Krankenschwester in der Swan-Clinic (die edler klingt als sie ist!) eine Spritze gibt. Ich gebe zu, dass sich meine Malaria grade aber gar nicht wirklich witzig anfühlt.

Ich schlafe unter einem Moskitonetz und schlucke täglich schweineteure Malaria-Prävention. Vielleicht hätte ich mich doch öfter einsprühen sollen mit 40 prozentigem deet, einem Insektizit, das in der Nase beißt und auf der Haut brennt? Vielleicht hätte ich mal auf den Ratschlag in Mariahs Reiseführer hören sollen und lange Hosen, Shirts, Socken und ein Halstuch tragen sollen? (Und wer immer das geschrieben hat, war sehr wahrscheinlich noch nie hier! Wir haben 35 Grad und die Luft ist so schwül, dass man sie in Blöcke schneiden könnte!). Oder ich hätte mal auf den lustigen Verkäufer im Globetrotter in Köln gehört, der mit moskitoundurchlässigen, langärmligen Karohemden in verschiedenen Farben vor meiner Nase gewedelt hat. Oder auf einen Freund, der auf die Ankündigung meiner Reise hin ernst erklärt hat: Afrika ist ein gefährliches Land, und alles was ich leichtsinnig dachte war, dass es ist sogar ein ganzer gefährlicher Kontinent ist.

Malaria ist definitv kein weiteres cooles Reiseabenteuer, nichts worauf ich mich gefreut habe. (Den Riesenskorpion letztens hinter unserem Haus, der Mariah gefährlich nahe kam, zugegeben, den fanden wir ein bisschen cool. Gefährlich-cool.) Malaria ist eine andere Geschichte. Gefürchtet habe ich mich zwar nicht, und damit gerechnet habe ich auch irgendwie. Gehofft, drumrum zu kommen? Schon.

Mariah und ich hatten geplant, eine Freundin in der Stadt zu treffen. Mädelsabend: Kino und Pizza (so gut man das her umsetzen kann), vielleicht im Anschluss tanzen gehen. Das Wochenende genießen!

 

Die Moskitos haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin zum Glück frühzeitig ins Krankenhaus gefahren- als ich bloß ein bisschen Fieber und Gliederschmerzen hatte. Die Klinik ist düster (Stromausfall, mal wieder), der Putz blättert von den Wänden und aus dem Hahn im Bad kommt kein Wasser. Ich hab eine zerschlissene Patientenakte ausgestellt bekommen und da ich die einzige Patientin war, hat sich der alte, freundliche Dokor richtig viel Zeit genommen. We found some malaria parasites in your blood, lautete schließlich die Diagnose.

Nach einer Dreiviertelstunde konnte ich die Klinik wieder verlassen, läuft ja wie geschmiert hier. Ich bin 80 Ghana Cedi (ca 25 Euro) los, habe eine Spritze bekommen und einen Haufen Medikamente, die ich zu verschiedenen Zeiten nehmen soll (ich vermute, dass sie noch ihren Tagesumsatz machen mussten und mir deshalb noch Folsäure und Entwurmtabletten angedreht haben- so zur Sicherheit, ich wär ja schon ne Weile hier und mit dem ganzen afrikanischen Essen und dreckigen Wasser... Wie auch immer. Ich war zu k.o., um zu diskutieren. Und die 25 Euro wird meine Versicherung ohnehin zurückzahlen).

Ich bin rechtzeitig gekommen, es sind nur wenige Parasiten im Blut und mir geht's, Gott sei Dank, längst nicht so schlecht wie befürchtet. In ein paar Tagen bin ich wieder fit.

Afrikanische Fitmacher

Ich möchte auch gar kein großes Drama aus meiner Krankheit machen- wird schon wieder. Schnell mit den richtigen Medikamenten behandelt ist das nicht weiter schlimm. "That's Ghana for you", sagt Mariah liebevoll, die das Ganze schon hinter sich hat. "Kick it Nairobi style", schreibt Gabe mir aus Kenia. Ich weiß aber, dass wahrscheinlich im Umkreis von nur wenigen Kilometern andere Menschen fiebernd im Bett liegen- oder vielleicht sogar trotzdem kochen für die Kinder, den Hof fegen oder noch ein paar Tomaten verkaufen zu versuchen. Es gibt genug Menschen, die nicht mal eben in die Klinik fahren können mit einem Taxi, das etwa drei Euro kostet (das ist mehr, als einige jeden Tag zum Leben haben). Die nicht mal eben hinfahren können, geschweige denn die Behandlung bezahlen können. Die keine Versicherung haben, die über 25 Euro nur milde lächeln wird. Die mehr verpassen als einen Mädelsabend mit Kino, Popcorn, tanzen.

 

Afrika ist ein gefährlicher Ort? Malaria, Typhus, Mangofliegen (und wenn du nicht weißt, was Mangofliegen sind oder was sie mit ihren Eiern machen und du nicht besonders hart im Nehmen bist: lieber nicht googeln). Evil Black Buses of Doom, Townships, Slums. Und so weiter. Aber: Können all unsere Sorgen unser Leben auch nur um einen Tag verlängern? (vgl. Matthäus 6, 27). Und ich sehe erleichtert ein: Ich brauche mir gar nicht einbilden, dass es jemals in meiner Hand liegen würde (okay, diese Karohemden! Aber irgendwie bezweifel ich stark, dass die mich gerettet hätten). Ich verstehe beruhigt:

You're greater than my yesterdays, You hold me close today, You're the Lord of my tomorrows, my heart will always know: Your mercy saved me, your mercy made me whole. (Casting Crowns- Mercy)

Ich habe mein Leben selten sinnerfüllter empfunden als in den letzen Monaten, mich selten stärker behütet und getragen gefühlt. Wie Elisabeth und Ellen mir geschrieben haben: Afrika hinterlässt ein paar Schrammen am Bein, ein paar Narben an den Füßen, aber nicht an meiner Seele. Ich genese behütet und freue mich, dass Martin morgen schon hier sein wird und vier gemeinsame Wochen Afrika vor uns liegen. Ich freue mich auch, dann bald heimzukehren nach Europa zu Euch. Dabei geht's aber weniger um dem Entkommen vor Insekten und Tropenkrankheiten, weniger um verkehrssichere Autos mit ordentlicher Knautschzone statt Matatus, Tro-Tros und überbeladener Taxen. Weniger um heiße Badewannen mit duftendem Schaum statt Eimer-Duschen. Weniger um einen Job in Köln mit immer ausreichend Bleistiften und Bunstiften in hundert Farben, nicht in ghanaischen Townships oder kenianischen Slums mit Rasierklingen als Anspitzer-Ersatz. Schüler mit Schnupfen und nicht mit Krätze. Darum geht's nicht, freuen tu' ich mich trotzdem auch ein bisschen drauf.

Aber irgendwo stimmt das: Afrika ist ein gefährlicher Ort. Hat sich breit gemacht in meinem Herzen, will mich nicht mehr loslassen. Afrika geht nicht spurlos an mir vorüber. Ohne romantisieren zu wollen: mit rythmischer Trommelmusik, ausgelassenem Tanz. Mit Chapati und Dengu, mit frittierter Kochbanane und Kokosnuss. Mit hunderten strahlenden Augen, mit hunderten kleinen Händen, mit Karibu und Akwaaba (Willkommen), das immer so gemeint ist, mit brausenden Matatufahrten und atemberaubenden Spaziergängen. Oder nein, ich will keinen falschen Eindruck erwecken: Palmen sind auf Dauer nicht cooler als Tannenwälder, der Voltastausee nicht schöner als der Rhein und Mandazi schmecken nicht besser als mein Lieblingsfrühstücksbrötchen. Eine Ananas ist lecker, aber jetzt auch nicht besser als ein Apfel. (Flip Flops allerdings ziehe ich Winterstiefeln vor, und 12 Stunden Sonnenschein bevorzuge ich auch!)

Nein, Afrika hat mich inspiriert und hat sich breit gemacht in meinem Herzen vor allem mit Tanz, wenn einem danach ist, denn: when you feel like dancing, you have to dance. Mit tosendem Lobpreis, obwohl doch kaum genug Geld für das Abendessen da ist. Mit Menschen, die staunend und dankbar Kwa nini mimi? (Warum ich?) fragen, wenn ihnen etwas Gutes passiert und wenn sie sich gesegnet fühlen. Mit Menschlichkeit an Orten, über die wir sagen: Wie unmenschlich. Vielleicht mit Malaria und Typhus, aber niemals mit Stress oder Burn-out. Vielleicht mit kränkelndem Körper, aber mit wohlbehaltener Seele. Mit zerschrammten Knien, aber fröhlichem Herzen. Vielleicht mit fraglicher medizinischer Versorgung, aber niemals ohne echte Gemeinschaft.