Fledermäuse über Kumasi, Könige im Palast und kontrollierter Stromausfall zu Hause- That's Ghana For You

12Jan2014

Bevor die Schule am Montag losgeht und wir ins neue Halbjahr starten, haben Mariah und ich das Wochenende genutzt, um Kumasi zu erkunden. Die große Stadt liegt nördlich von Accra und mit dem Bus kommt man günstig hin. Die Busse wirken im Vergleich zu Kenia total verkehrssicher und haben sogar eine Klimaanlage. Für 7 Euro gibt's also fünf Stunden Kühlschrank-Busfahrt durchs grüne Ghana (überall hier ist üppig und wild bewachsener Dschungel) inklusive Nollywood-Entertainment (nigerianische Filme oder Serien mit grausamer Soundqualität, amateurhafter Kameraführung, Schnitte à la Powerpoint-Präsentation eines Siebtklässlers und überraschend schlechter schauspielerischer Qualität- da lobe ich mir doch wieder meinen Lieblingsluxus-Gegenstand: meinen ipod).

Wir übernachten bei Couchsurfer Selasie und seiner Frau Hannah auf ihrem alten Sofa und auf dem Wohnzimmerboden ihrer kleinen Zweizimmerwohnung. Wir werden herzlich aufgenommen von den beiden, obwohl Selasie erkältet ist und Hannah viel arbeiten muss und müde wirkt, und erleben ein Stück ghanaischen Alltag ganz authentisch. Ein Hoch aufs Couchsurfing!

mit unseren Gastgebern Selasie und Hannah

In Kumasi steht auch der Palast des Asante-Königs, also gibt es in der Stadt viel über die Asante-Kultur zu erfahren (die Asante sind der größte Stamm in Ghana). Diese Kultur mit Dorfchefs und einem König ist uns ganz fremd, aber es ist interessant zu sehen, welche Bedeutung diese Ämter noch heute neben den offiziellen politischen Ämtern Ghanas haben. Das Frauenbild der Asante geht überhaupt nicht einher mit Mariahs und meinen Vorstellungen- und auch nicht mit denen der (wenigen) modernen mutigen Ghanaerinnen der Städte. Überhaupt weckt Ghana den Feminismus in uns, dazu später an anderer Stelle mal mehr.

Im Königspalast-Museum treffen wir aber eine fast achtzigjährige Dame aus Australien, die seit gut zwanzig Jahren verwitwet ist und jetzt ihren "wheelchair fund" für eine Reise durch Westafrika nutzt. Sie war schon in Togo, Benin, Burkina Faso- allein reisend. Im Sommer hat sie erst ihr zweites Studium abgeschlossen, Kunst und Spanisch hat sie studiert inklusive Auslandssemester in Mexiko. Soviel zum Thema "solo female travelers".

Wir konnten dann in einem Dorf etwas außerhalb der Stadt über's traditionelle Kente-Weben der Asante lernen- das ist echt saumäßig viel Arbeit, an einem Stück Kente sitzt ein Weber bis zu sechzig Tage lang, aber der Stoff sieht auch wirklich schön aus. Und die Jungs (Weben ist hier Männerarbeit, während die Frauen auf dem Feld arbeiten) wissen was sie tun, sie klackern ganz schnell mit den Webschiffchen umher und weben komplizierte Muster.

ein junger Kente-Weber bei der Arbeit

Der Markt in Kumasi ist der größte Westafrikas- überall Menschen, Verkäufer, Stimmen, Frauen mit Körben und Kisten auf dem Kopf, Lebensmittel, dunkle und dunkler werdene Gassen, bunte Stoffe, Hühner, Tierbeine, Fische, Schuhmacher, und Leute, die mit ihren Werkzeugen klappern und an Ort und Stelle eine Pediküre anbieten. Natürlich haben wir uns darin verlaufen, aber so bekommt man ja nur noch mehr Interessantes zu sehen. Eine Stunde auf dem Markt ist jedenfalls eine echte Reizüberflutung, tausend Gerüche, Geräusche, Farben.

wildes Markttreiben herrscht unter diesen Dächern

Wir krachen mit hastenden Marktfrauen zusammen, die dennoch die großen Töpfe auf dem Kopf nicht fallen lassen. "Obruni, Obruni", Weiße, Weiße, Hände berühren uns, eine jungen Frau mit zarten Schweißperlen auf der Stirn nickt mir auffordernd zu und bückt sich zu ihrem übergroßen Korb mit Yamwurzeln hinab. Ich verstehe spät, tue dann nach, was ich schon öfter beobachtet habe, packe ebenfalls an und hieve den Korb mit auf ihren Kopf. Sie lächelt, zieht dankend die Augenbrauen hoch: "God bless you, sister", und verschwindet im Getümmel. Überhaupt wirkt die ganze Stadt wie ein einziger Markt, wir schwimmen im Strom und genießen den bunten Rausch, der im fast westlich entwickelten Accra weniger zu spüren ist. Über dem Park in der Innenstadt schwirren hunderte goße Fledermäuse, sie hängen gruselig an den Ästen der Bäume hinab. Auf den Straßengrills liegen sie dann geröstet neben Maiskolben auf dem heißen Gitter- schwarz, filigran, grotesk. Wir passieren auch die Marktstände (das heißt in dem Fall: Die mit Waren überladenen Plastikfolien auf dem Boden) mit Schweinehufen und Gemüse. Es riecht unangenehm, wo ein Mann ein paar Meter weiter mit einem Beil schwungvoll Kuhhufe (glaube ich) spaltet. Knochenstücke fliegen umher, Fleischstücken kleben überall auf dem Asphalt. Das um-den-Dreck-herumtrippeln habe ich schon in Nairobi abgelegt, mit den gleichen Flipflops, mit denen ich auf Mfangano im Bach gebadet habe, laufe ich jetzt über den Markt. Ich halte die Luft an und tauche an den Fleischern vorbei (ich kann ja schon die Fleisch- und Fischtheke in der Metro nicht ausstehen...) und wir kaufen lieber frische Kokosnuss bei einer zahnlosen alten Frau (bald mehr zum Thema "Vegetarisch in Afrika"...)

Marktfrauen am Straßenrand

Zurück mit dem Nollywood-Bus ins schwüle, Accra. Extra schwül vor allem deshalb, weil die Regierung den Strom für ein paar Tage abgestellt hat (Warum auch immer? Immer wenn wir uns das fragen, Warum, Why, but why?, antworten wir nur noch mit: "Why? Ghana, that''s why. That's Ghana for You!") Wir haben keinen Ventilator und kein fließend Wasser bis Dienstag Abend und statt langer Dusche gibt's also eine "bucket shower". Unser Kühlschrank fängt an zu stinken und auf dem Wohnzimmertisch entsteht ein Elektrogeräte-Friedhof, ein Laptop nach dem anderen, ein Handy nach dem anderen gibt den Geist auf. Wir essen bei Kerzenlicht und verschieben das Planen des Unterrichts auf die frühen Morgenstunden. Erste Welt Probleme, schätze ich.

Beste Grüße!