Eidechsen im Klassenzimmer: Schulalltag in Ghana

03März2014

Letzte Woche hatte ich meinen letzten Schultag in der Fidif-School in Abokobi; Zeit, mal zu berichten von Schule in Ghana, wie ich sie erlebt habe.

Der Schultag in Fidif beginnt um acht Uhr mit einer Versammlung auf dem Schulhof. Die Kinder stellen sich auf, singen ein paar Hymnen, versprechen fleißig zu lernen um gemeinsam am Vaterland zu bauen (Arise, Ghana Youth for your country) und werden von den Lehrern daran erinnert, dass die Schulgebühren bezahlt werden müssen. (Es gibt in Ghana hauptsächlich private Schulen, die sich über Schulgebühren finanzieren. Auch wenn offiziell Schulpflicht besteht, gibt es zu wenig öffentliche, kostenlose Schulen- hier in der Gegend ist zum Beispiel gar keine. Wenn die Eltern sich die Schulbildung der Kinder nicht leisten können, gehen die Kinder gar nicht oder nur wenige Jahre zur Schule und arbeiten stattdessen mit den Eltern auf dem Feld, Markt oder sogar im Steinbruch. In extremen Fällen werden Kinder sogar an Fischer am Voltasee verkauft. Dass die von TANF gesponsorten Kinder rescued children heißen, hat also seinen Grund.)

So geordnet und geregelt wie die etwa 200 Schülerinnen und Schüler im Alter von zwei bis 15 Jahren morgens auf dem Schulhof stehen, wird es im Verlauf des Schultags selten wieder. Nach der Versammlung treffen wir Lehrer uns aber erstmal im Büro, wo wir ein paar Gospel singen und gemeinsam beten - dass wir gut unterrichten und die Kinder gut lernen können. Auch für die Fahrer der Schulbusse und die Köche wird gebetet. If we are united in His Love and work together, what shall stand against?, sagt Sir Bright, einer der Lehrer (Ghana gilt als das religiöseste Land der Welt- 96 Prozent der Bevölkerung gibt an, gläubig zu sein. Die meisten Ghanaer sind Christen, einige sind Muslime und einige gehören traditionell afrikanischen Religionsgemeinschaften an. How are you? Beantworten die meisten Ghanaer mit Oh I am good, by his grace!).

Zeichnen mit Class Five

Die erste Unterrichtsstunde dauert ungefähr anderthalb Stunden. Wenn ein Schüler schließlich mit einer kleinen Glocke an den Klassenzimmern vorbei rennt (Break time, please!), gibt’s eine Hofpause. Meistens kommt einer der Snackverkäufer mit seinem Fahrrad vorbei und man kann Gebäck und eingefrorenen Joghurt kaufen. Nochmal ungefähr anderthalb Stunden Unterricht bis zur Mittagspause (wir haben eine Köchin, die Reis oder Banku mit Soßen kocht) und eine dritte Unterrichtsstunde am Nachmittag, bis die Schule um 15 Uhr endet. An jedem Tag werden also drei Fächer unterrichtet. Generell gibt es Englisch, Mathematik, Französisch, ICT (Information Communication Technology), Religious and Moral Education und Science. Mittwoch gibt’s zwei Stunden Worship, Sport und AGs gibt's am Freitag. Da finden Wettrennen und Fußballspiele auf dem (unebenen, staubigen und teils schotterigen, teils mit Unkraut bewachsenen) Schulhof statt und alle machen mit- auch die Lehrer.

  Hofpause in Fidif

Das alles klingt durchorganisierter, als es tatsächlich ist! Irgendwie verschwinden ständig Hausaufgaben, Schulhefte und Bleistifte. Da werden Hausaufgaben abgeschrieben und da fliegen Tafelschwämme durch die Klasse. Ganz normales Chaos also! Ich verabschiede mich innerlich von den Buntstiften, als ich jedem Erstklässler einen Stift ausleihe, damit sie ihn für die Hausaufgaben nutzen können. Manche Kinder haben noch nie mit einem Buntstift gemalt. Am nächsten Morgen liegen 25 Hefte zur Korrektur auf meinem Pult- die meisten davon mit gemachten Hausaufgaben, aber ausschließlich alle mit dem Buntstift in der Mitte liegend.

Prince aus der Fünften malt mit den gespendeten Buntstiften

Okay, okay, it's juuust a lizard, can we all go back to work now? , höre ich mich sagen, nachdem eine gut fünfundzwanzig Zentimeter große Eidechse mit einem lauten Flaps! von der Decke und auf ein Schülerpult geknallt ist und die Kinder mit einer beeindruckenden Reaktionsgeschwindigkeit kreischend aufgesprungen sind. An anderen Tagen spazieren Hennen mit ihren Küken durchs Klassenzimmer. Wenn es trocken ist, bläst der Wind den Staub und Sand durch die unverglasten Fenster und in unsere Augen; wenn es regnet, prasselt es laut auf das Blechdach und an undichten Stellen ins Klassenzimmer. Unterrichtsstörungen mal anders.

Die Kinder hier sind energiegeladen (Martin: Was frühstücken die?!), herzlich, ausgelassen, sehr höflich und respektvoll. Jeder macht mal Blödsinn, jeder ärgert mal- aber die älteren Schüler und Lehrer werden immer respektiert.

Es gibt Lehrpläne, offiziell verfasst vom Ministerium für Bildung in Ghana, ausgedruckt und in jedem Klassenraum platziert. Ich möchte mal optimistisch meinen, dass wir uns stofftechnisch konsequent mitten im ersten Quartal bewegen- dass wir also gut ein halbes Jahr hinterher sind (und was die Schüler vom Unterrichtsstoff dann wirklich verstanden haben, ist nochmal eine andere Geschichte). Unterrichtsmaterial gibt es natürlich nicht- eine Tafel und Kreide in jedem Raum, mehr nicht.

Da soll ich Flächenberechnung üben mit den Fünftklässlern- und stelle ziemlich schnell fest, dass die Mehrheit der Schüler nicht mal eine Länge berechnen kann, nicht weiß was die kleinen Striche auf dem Lineal bedeuten (auf dem einen Lineal, das wir im Klassenraum haben), und dass sie ernsthaft probieren, 15 mal 100 schriftlich zu rechnen. Dass sie 400 Zentimeter nicht in Meter umrechnen können (von Dezimalzahlen mal ganz zu schweigen) und nicht wissen, dass ein Meter von hier bis zur Tafel und ein Kilometer von hier bis ins nächste Dorf ist.

Class one

In der zweiten Klasse wollen wir Zahlen in verschiedene mögliche Summanden zerlegen: Zehn ist fünf plus fünf, oder sechs plus vier, oder zwei plus acht... und so weiter. Nicht einer der Zweitklässler hat eine Vorstellung davon, wie das funktionieren soll, nicht einer hat eine Vorstellung von den abstrakten Zahlen. Ich male zehn Kreise an die Tafel und färbe fünf davon blau, fünf davon rot. Darunter wieder zehn Kreise, drei davon blau, sieben davon rot. Schön bildlich: Die Summe bleib immer zehn. Nach der Stunde kommt der Lehrer zu mir: Das sei ja alles schön. Aber das würde so lange dauern mit dem Malen, und das würde in der Klassenarbeit ja auch gar nicht abgefragt.

Ein anderer Lehrer erzählt mir: Ich weiß nicht, was ich mit Michael machen soll. Im Unterricht macht er mit, aber er macht nie seine Hausaufgaben! Ich glaube, seine Eltern kümmern sich nicht. Ich kann ihn doch nicht jeden Tag dafür bestrafen, dass seine Eltern da nicht hinterher sind? Und ob ich mich wohl mal darum kümmern könnte. Ich setz mich also mit Michael hin und geh die Hausaufgaben durch, um ein bisschen zu verstehen, wo sein Problem damit liegt. Dabei wird schnell klar: Er kann einfach so gut wie gar nicht lesen oder selbstständig schreiben. In der dritten Klasse. Fällt keinem auf sonst. Seit Jahren mogelt er sich irgendwie durch.

Dafür können ausnahmslos alle Kinder tanzen wie verrückt. Ich sehe total unbeholfen aus neben ihnen. Und beim Singen klatschen sie selbstständig einen komplizierten Rhythmus. Nicht nur so auf die 1 und die 3, sondern irgendwie dazwischen, dreimal hintereinander, lange Pause, zweimal, Pause, wieder dreimal, was weiß ich. Ich gucke dann immer heimlich bei ihnen ab. Sie lieben es auch, deutsche Lieder zu lernen. „Alle Kinder lernen lesen“ klingt total super, und anlässlich der fünften Jahreszeit üben wir jetzt „Kölle Alaaf“. Es stellt sich raus, dass „“Trömmelsche“ schwer auszusprechen ist. Aber ich geb' nicht auf, wenn sie Kamelle wollen, muss das gut klingen!

Wir lesen in einem Bilderbuch und machen ein Kunstprojekt dazu

An meinem letzten Schultag malen wir Bilder, singen und tanzen viel. So richtig interessiert es hier ohnehin keinen, was wir im Unterricht machen (Manchmal schaue ich in einer Klasse vorbei und stelle fest, dass sie angefangen haben, sich selbst zu unterrichten, weil der Lehrer einfach nicht aufgetaucht ist). Madam, don't go!, beschweren sie sich und schmeicheln mir mit ihrer ehrlichen Art (ich hab mich mit der Kamelle heute aber auch nochmal schön eingeschleimt!). Diese Offenherzigkeit und Ehrlichkeit schätze ich hier. Madam, why are you wearing two earings here?, haben sie mal gefragt und auf mein rechtes Ohr gezeigt. Find ich schön, hab ich geantwortet. Sie haben heftig den Kopf geschüttelt: No! Is not nice- oh! Am Ende einer Matheunterrichtsstunde hab ich mal zu hören bekommen: Madam is not good! I don't understand! You talk talk talk but I don't understand you. You must use other words tomorrow. (Okay). Jetzt kommt ein Fünftklässler zu mir – eigentlich einer von der Sorte obercool- und sagt: I will miss you, und über Emmanuelleas Wangen kullert eine dicke Träne.

Die Zeit hier in Fidif war lehrreich und schön. Ich habe die Möglichkeiten und Grenzen von Freiwilligenarbeit erfahren: Ich werde immer die Obruni, die Weiße blieben, werde immer einen anderen Zugang zu den Kindern haben als die afrikanischen Kollegen- und nicht unbedingt einen besseren. Aber durch das Engagement von TANF in den Schulen wurde in Fidif das Caning, das Schlagen der Schüler, abgeschafft und verboten. In den ersten zwei Wochen wurde dort extrem viel geschlagen, die Stimmung war schlecht und die Kinder hatten viel Angst beim Lernen. Für die meist unausgebildeten Lehrer, die das als Schüler selbst nie anders erlebt haben, war caning immer die schnellste und einfachste Methode. Das war wirklich das Schlimmste und Grausamste, was ich während meiner Zeit hier in Afrika gesehen habe. Mittlerweile hat sich die Stimmung an der Schule aber komplett verändert.

Hand auf's Herz: Fünftklässler zum Gernhaben

Zum Abschied singen die Kinder nochmal  Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen. Obwohl Ghana eines der am besten gestellten afrikanischen Länder ist, sehe ich jeden Tag: Es ist viel zu tun. Überall arbeiten Kinder, die in der Schule sein dürfen sollten. Die Schulen sind chaotisch und der Unterricht nicht besonders sinnvoll. Ich weiß, dass ich mit meinem bisschen Unterricht hier keine Schule und schon gar kein Land verändern kann- deshalb bin ich ja auch nicht hier. Aber die kleinen Leute, die heute lesen lernen, können ihr Land irgendwann mal verändern.

One child, one teacher, one book, one pen can change the world. (Makala Yousafzai) 

Der Weg ist lang, aber es passiert was in Ghana, und das ist gut zu sehen: Montag hat die erste öffentlich High School in Ghana aufgemacht - einen höheren Schulabschluss zu erwerben wird langsam aber sicher auch für Kinder aus armen Verhältnissen möglich. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos, Hallo Kinder, jetzt geht’s los!

Ich habe gerne hier gearbeitet. Ich freue mich jetzt auch auf mein Referendariat in Köln- mit ganz anderen Herausforderungen. Unterrichten macht mir Spaß- wenig Buntstifte hin oder her, mit den herzlichen und lebensfrohen Kindern hier ist es wirklich eine große Freude.