Don’t ask what the world needs. Ask what makes you come alive, and go do it. Because what the world needs is people who have come alive. (Howard Thurman)

20Jan2014

Ich sitze auf einem Felsen auf dem kleinen Berg hinter Teiman, dem Ort, wo ich zur Zeit wohne, und gucke seit Minuten Richtung Horizont. Es ist immer etwas diesig und staubig hier in Accra, der Himmel immer etwas trüb. Ich kann nicht erkennen, wo genau in der Ferne der Horizont ist, wo die Erde aufhört und der Himmel anfängt. Die Sonne brennt heute wieder, ein Schweißtropfen kitzelt mich am Arm. Irgendwo singt ein Vogel, irgendwo da links im Urwald. 

Ich will nirgendwo anders sein grade.

Es ist still hier oben und wir haben fast zwei Stunden gebraucht um aus dem Dorf hier her zu wandern, ein staubiger Weg, rostroter, trockener Staub. Die Wanderung war anstrengend in der Hitze, ich fühle mich ein bisschen schwach, und gleichzeitig so ewig lebendig. Jakobswegsgefühle.

Am Nachmittag, auf dem Weg zurück durchs Dorf, treffen wir spielende Kinder. Ebenezer und Emanuela fahren mit einem BMX- Fahrrad umher, andere Kinder kicken eine leere Kokosnuss durch den Staub. Zwei Mädchen liegen unter einem Baum im Schatten und kichern, andere stromern scheinbar ziellos umher. Das Dorf ist weitläufig hier Richtung Norden, die Straßen sind breit und gewohnt unbefestigt, die Häuser stehen etwas vereinzelter als tiefer im Ortskern. Emanuela tritt in die Pedale, Ebenezer hält sich an ihren Schultern fest. Mit einem Tempo, das wir unseren Kindern allenfalls mit Helm, aber garantiert nicht mit einem fünfjährigen Jungen auf den Dornen des Hinterrads stehend erlauben, preschen die zwei Freunde durch den Staub, fahren die Straße noch dutzende Male auf und ab an diesem Nachmittag. Ohne ein Ziel zu haben als dieses Stück Straße selbst, ohne irgendwo hingelangen zu wollen, ohne mehr erreichen zu wollen als die brausende Fahrt selbst. Ich kann ihre Freude spüren, ihr Lachen trägt ihre Freiheit dieses Augenblicks zu uns, als wir die Straße entlanglaufen. 

Emanuela und Ebenezer

Ein völlig sinnloser Tag? Berg raufklettern, Horizont suchen, runterklettern, Kindern beim Spielen zugucken, nach Hause gehen. Ich bin verwirrt, als ich tiefe Zufriedenheit spüre, hatte ich doch letztens noch gesagt, dass gerade die Sinnhaftigkeit der Arbeit hier mich so ausfüllt. Ich frage mich, ob ich mich schuldig fühlen muss, habe ich heute doch scheinbar nichts zustande gebracht. Als ich merke, dass das einer dieser verrückten und altbekannten Gedanken ist, der so typisch für unsere Gesellschaft ist, schiebe ich ihn weg und genieße. So gut, wichtig und erfüllend die Arbeit für Andere ist - da ist auch Glück in der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens, im Berg-Hinaufklettern, im Sterne-Gucken, im Von-den-Klippen-vor-Mombasa-Springen, im Pfannekuchen-Perfektionieren in unserer WG-Küche. Im wochenlangen Wandern auf dem Jakobsweg, angekommen in Santiago feststellend, dass das Ziel unserer Reise jeder Schritt und jeder Tag selbst und nicht diese Stadt am Ende war. Im Kekse-Suchen im Koffer auf der Rückbank von Lindas Auto, während wir im Stau auf der Severinsbrücke stehen (ich kann mich immer noch an das Wühlen im Koffer erinnern, an unser Kichern, an Lindas Lachen. Wie die Kekse geschmeckt haben, was das überhaupt für welche waren, weiß ich gar nicht mehr. Ob wir sie überhaupt gefunden haben?) 

mit Matthias auf unserer Wanderung in die Hügel hinter Teiman

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst (J. W. Von Goethe). Paradox? Unsere ganze Welt ist paradox, wir sind paradox, jeden Tag. Wir sehnen uns nach unmittelbarem Glück, aber anstatt es zu erleben, arbeiten wir hart, damit wir es uns mit der Rente dann später mal leisten können. Wir brechen vor lauter harter Arbeit lieber auf unserem teuren Ledersofa zusammen, als glücklich auf einer ollen Couch zu sitzen. Wenn unser Alltag uns krank macht, zweifeln wir oft erstmal an uns, aber nicht an unserem Lebensstil, und wir nehmen Medikamente, damit wir wieder funktionieren. Wir vergessen, dass niemand, der gegeben hat, je arm geworden ist (Anne Frank). Wir bekommen den Friedensnobelpreis und investieren in die Rüstungsindustrie. Wir sind für einen Mindestlohn in Deutschland und kaufen Nike-Schuhe aus Sweatshops, wir finden fairen Handel wichtig und haben unser Geld auf einer Bank liegen, die mit Lebensmittelpreisen pokert. Wir sind superökohip und essen kein Fleisch, weil es schlecht für die Umwelt ist, nehmen aber zehn Stunden Flug nach Afrika in Kauf. Wir finden diesen ganzen Marken- und Vergleichswahn unserer Schüler und Kinder schrecklich, und posten doch selbst jedes kleine eigene Glück auf Facebook - um der Welt zu zeigen, dass wir nicht ganz so kaputt sind wie die Anderen da draußen und um uns selbst zu beweisen, dass wir doch gar nicht so übel darin sind ein erfülltes Leben zu führen. Tatsächlich warten wir unser ganzes Leben lang auf die Freitagnachmittage und auf die Ferien und am Sonntagabend und Ferienende schließlich sind wir müde und enttäuscht, weil wir ja doch nicht nachholen konnten, was wir unter der Woche verpasst haben. Wir lesen inspirierende Bücher, geben Geld für Seminare aus, in denen man uns sagt wie man das Leben genießt und glücklich wird und wir pinnen schlaue Zitate im Netz. Wir liken Videos von Slammern, die in einem hübschen Gedicht von der Wahrheit sprechen, die wir eigentlich doch alle kennen, und raffen uns trotzdem nicht auf. Es berührt unser Herz, wenn die junge Studentin sagt, dass wir anfangen sollten heute die Geschichten zu schreiben, die wir erzählen wollen wenn wir alt sind. Wir geben ihr Recht, aber wir finden tausend Ausreden, warum wir unseren Job nicht kündigen können, warum wir nicht jetzt tun und lassen können was uns glücklich macht (Ausreden, die wir noch nicht mal als solche erkennen). Und wir nennen jeden naiv und einen Träumer, der uns das vorwirft. Wir sehnen uns nach dem Leben, aber wir wagen nicht einmal, davon zu träumen.

Kindheitsglück

Hier in Afrika hab ich ja leicht Reden (und es kann ja jetzt nicht jeder nach Afrika fliegen). Weit weg von allen Pflichten, hier, wo die Sonne so groß ist und der Mond auf dem Kopf steht. Umgeben von lauter Träumern und Visionären, von jungen Hippies und selbsternannten Weltverbesserern, von Rucksackreisenden, die alles hinter sich lassen um im Siff der Hostels nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Weite, bunte Hosen tragend und im Räucherstächenrauch Geschichten teilend. Umgeben von Neunzehnjährigen, die alleine aus England nach Kenya hitchhiken (!) und von Achtzigjährigen, die durch Westafrika reisen. Raus aus allen alten Rollen und einen großen Schritt zurückgetreten, um besser sehen zu können, was da eigentlich los ist in der Gesellschaft und in dem System, das uns oft krank macht und das schon unsere Grundschüler depressiv werden lässt.

Keinesfalls habe ich die Wahrheit gepachtet, keinesfalls habe ich die Wahrheit gefunden im salzigen Ozeanwasser vor Ghanas Küste oder im trockenen Staub in Kenias Savannen. Ich hab nur mich selbst gefunden, unerwartet und zufällig. Als wir die grüne Schlange unter den Steinen auf dem Voi Hill angeguckt haben. Als wir unter Millionen Sternen und Planeten ein billiges Reis-mit-Kokosbohnen-Gericht gegessen haben, als wir kalt schwitzend versucht haben, dreißig aufgedrehte Kinder zu bändigen (erfolglos), unter den verständnislosen Blicken der Nachbarn. In der Blechhütte bei Schüttregen und Gewitter. Im Bus von Mbita nach Nairobi fahrend. Als die Sonne unterging über Tsavo East und alles in goldnes Licht getaucht war, als vor uns nur der endlose Himmel und die weite Savanne lag und man nichts hören könnte als die Vögel am Wasserloch. Beim Chapati-Braten barfuß in der Küche, bei dem es eigentlich mehr um das geschwisterliche Rumalbern ging als um die Chapati. Mit Schwester Anja im Zelt bei Regen und leiser Musik. Beim Dichten, "Cool cruising kids kindly carried on a kenyan camel", während wir mit dem Pikipiki über die unbefestigten Straßen gefahren sind. Wir haben Ameisen verglichen und Bäume bestaunt und Wörter und Formulierungen gesammelt, die schön klingen. Wir haben "rooftop romance and coconut rice" gefunden und Gabriel hat "chocablocks with nicnacs" entdeckt. Sinnlos alles, albern? Vielleicht.

Und vielleicht denkt jetzt einer, soll die mal erstmal wiederkommen. Soll die erstmal wiederkommen, ich mach ihr schonmal direkt auch n Friseurtermin. Soll die mal in meiner Situation sein oder ihr Referendariat im Mai anfangen mit Lehrproben und anstrengenden Kindern und Unterrichtsvorbereitungen. Vielleicht, vielleicht, hat derjenige ein bisschen Recht und vielleicht lache ich in zwei, zehn, fünfzig Jahren über meine naiven Texte, über die Unterrichtsversuche an ghanaischen Dorfschulen und den Glauben, dass ich doch tatsächlich einen Unterschied machen könne (wenn, dann hoffentlich später als früher). Ich will diese Leichtigkeit aber nicht einfach hier lassen, wenn ich in ein paar Wochen zurückfliege. Noch immer bekomme ich SMS aus Kenya, in denen steht "Sister sister sister, I found a cool new word my Dear...". Vielleicht wache ich auf, wenn ich wieder ins kalte Wasser der Heimat geschmissen werde, und dann schäme ich mich vielleicht, dass ich Euch all die leichtsinnigen Dinge gesagt habe. Manchmal würde ich auch lieber schlaue Sachen schreiben hier, die nach der schlauen Frau klingen, die Schule und Uni aus mir gemacht haben. Dann würde ich schreiben wie stolz ich auf die Aufsätze meiner Schüler bin und wie gut mein sprachsensible Mathematikunterricht klappt (Ha!). Aber ich weiß so wenig grade und fühle mich aber so lebendig. Und um ein kreatives Leben leben zu können, müssen wir die Angst verlieren, falsch zu liegen und zu scheitern (J. C. Pearce). Die Angst davor ebenso wie die Erinnerung daran.

Ebenezer und Emanuela in Teiman

Listen to the MUSTN'TS, child,
      Listen to the DON'TS
      Listen to the SHOULDN'TS
The IMPOSSIBLES, the WONT'S
      Listen to the NEVER HAVES
Then listen close to me-
      Anything can happen, child,
ANYTHING can be.

(Shel Silverstein)