Be soft. Do not let the world make you hard. Do not let the pain make you hate. Do not let the bitterness steal away your sweetness....

19Feb2014

... Take pride that even though the rest of the world may disagree- yous still believe it to be a beautiful place. (Kurt Vonnegut)

 

Ein gewöhnlicher Nachmittag in Teiman

 

„Auntie, Auntie, look at- oh!“, ruft Kofi schräg hinter mir.

„Auntie look at“, ist immer sehr vielversprechend. Die Jungs entdecken große Eidechsen unter Büschen und winzige Küken am Straßenrand. Sie wollen mir das Fahrrad von ihrem Freund zeigen, das aussieht wie ein normales, bisschen schrottiges Fahrrad, aber anscheinend irgendwas Cooles kann (hab nicht genau verstanden, was). Sie zeigen auf Flugzeuge am Himmel und rufen: „Auntie, look at, aeroplane! Is Madam Jennifer!“- sie sprechen von Jennifer, die letzte Woche abgereist ist. „Auntie, Auntie!“. Ich drehe mich um zu Kofi. Sein ganzes Gesicht strahlt begeistert, er zeigt auf einen Holztisch vor einer Hütte, die ein kleiner Shop ist. Auf dem Tisch liegen vier tote, steife Tiere. Ratten, ziemlich große Ratten? Ich komme ein Stück näher. Sehen ein bisschen aus wie Biber. „Is for cooking- oh“, erklärt Prince. Wir gehen weiter. Nur gut, dass der Begriff „vegeterian“ fast jedem Ghanaer ein Begriff ist.

Wir bringen die Jungs nach Hause. Sie sind nach der Schule gut zwei Kilometer aus dem Dorf bis in unsere Siedlung zu unserem Haus gelaufen. Wir haben Fußball gespielt, gemalt, getobt und wässrigen Kakao getrunken. Schürfwunden versorgt, Okpoti davon abgehalten unser Nachbarkind Elom zu verpügeln und Kwaku, an den Filzstiften zu nuckeln. Unser Wohnzimmer sieht jetzt renovierungsbedürftig aus. Bald wird es dunkel sein, und der Heimweg ist lang, deshalb bringen wir sie jeden Abend früh genug zurück (wenn's besonders chaotisch oder stressig war, beschließen wir auch mal eher, dass es wohl bald dunkel werden muss). Mal kommen sie zu dritt, mal zu siebt, mal nur die Großen, mal mit den Kleinen. Heute sind sie zu fünft, Jao, Okpoti, Prince, Kofi und Kwaku.

„Meine Biber haben Fieber oh die Armen“, fange ich an zu singen und denke noch an die toten Ratten-Biber auf dem Holztisch. Wir haben noch anderthalb Kilometer vor uns, uns die Chancen stehen gut dass die Jungs das ganze Lied bis zur Ankunft in Teiman drauf haben. Das Englischsprechen ist für sie eigentlich nichts anderes- Worte wiederholen, die sie kaum kennen. „will sich keiner denn der armen Tier' erbarmen... „ Klingt echt ziemlich überzeugend.

Kwaku, drei Jahre, ist vom Marsch hierher und vom Spielen ganz müde und auf meinem Rücken eingeschlafen, während wir laufen. Mittlerweile klappt das Tragen ganz gut, musste ich vor ein paar Wochen noch jedes Mädchen und jede Frau, die mir entgegenkam bitten, mir zu helfen das Tuch neu zu binden. Sie – manchmal zehnjährige, weise Mädchen, manchmal starke Mamas, manchmal zähe Omas mit coolen Sonnenbrillen, die im Schatten einer Palme entspannen - haben immer liebevoll lächelnd und ein bisschen stolz geholfen.

Jetzt lehnt Kwakus Köpfchen an meinem Rücken, Okpoti trödelt hinterher, Prince rennt vor und Jao schlägt Räder mitten auf der Straße. Nur alle paar Minuten kommt hier ein Tro-Tro oder ein Wassertanker laut hupend vorbeigebrettert. Hinter uns geht die Sonne langsam unter, verschwindet bald matt orange leuchtend hinter den Hügeln und Häusern. Jaos ganzer Körper ist voller Energie und Freude. Drei, vier, fünf, sechs, sieben Räder ohne Pause. Er rennt mitten auf der Straße weiter, sein weites Shirt flattert, er steckt es rennend und lachend in die Hose und macht mehr Radschläge, fünf, sechs, sieben, acht. Ich höre Okpotis Flipflops über den Asphalt schlurfen, ich höre Jaos Lachen und das Meckern der Ziegen, die im Müll am Straßenrand wühlen. Prince, zehn Jahre alt, klettert auf Mariahs Rücken und lässt sich lachend tragen. Er knabbert Erdnüsse und steckt Mariah jetzt kichernd und mit siffigen Fingern Erdnüsse in den Mund.

Das ist so ein Moment, den ich gerne festhalten würde, aber kein Foto, kein Film könnte das alles einfangen: Die große Sonne, die sich verabschiedet, die fröhlichen, tobenden Jungs, die freundlich-grüßenden Menschen, die jungen Männer die auf der Ladefläche des Pick-ups, der an uns vorbeisaust, stehen und winken. Schmuddelige, flatternde Shirts. Die rennenden Kinder in den Siedlungen rechts und links.

Die Leute, denen wir begegnen grüßen uns. Freude steckt an.

Wir kommen an kleinen Bretterbuden vorbei, Shops, in denen Gemüse, Tüten voller Mehl, Flaschen voller Öl, Seifen und kleine Kekspackungen verkauft werden. An der Hauptstraße zwischen unserer Siedlung und dem Dorf Teiman reihen sich vereinzelt Friseurläden, vor denen Frauen auf Plastikstühlen sitzen und die Haare gemacht bekommen, Werkstätten, vor denen Fensterrahmen geschweißt und Betten geschreinert werden, Blech- und Holzhütten mit kleinen Vordächern, unter denen Frauen vor alten Nähmaschinen sitzen und Kleider schneidern. Da sind Höfe, auf denen Fußball gespielt wird, und da sind Bretterbuden, Bars, in denen Fußball geschaut wird: Auf kleinen Fernsehern werden Spiele der deutschen und englischen Ligen übertragen (wenn ich den Leuten hier sage, dass ich aus der Nähe von Dortmund komme, wissen sie Bescheid). Da sind Kirchen- oft nicht mehr als Plastikstühle unter einem großen Blechdach, wo Gottesdienste stattfinden. Wir kommen am water supply vorbei, einer öffentlichen Wasserstelle, wo man aus einem großen Hahn Wasser abfüllen kann. Mädchen aus meiner vierten Klasse kommen uns entgegen mit Zehnlitereimern auf den Köpfen. Die Kinder, die uns kennen, grüßen uns beim Namen Madam Lena (klingt mehr wie Madam Liiiiiiiinaaa), Madam Mariah, Auntie Lena, Auntie Mariah, und für Kwabena, einen Freund aus dem Dorf, bin ich Abena, das ist der Name auf Twi für alle Frauen, die an einem Dienstag geboren sind (Dienstags-Jungs heißen, wie er, Kwabena). Kinder, die uns nicht kennen, rufen Obruni, Weiße, wenn wir uns nähern und Obruni Bye-bye wenn wir uns entfernen.

Eine Frau ruft uns jetzt meckernd hinterher: Prince könne ja wohl selbst laufen, so groß wie er sei. Stimmt. Aber er genießt es gerade so, und er, der sonst selbst so viel tragen und arbeiten muss, der sonst so viel Gewicht auf seinen Schultern hat, soll auch mal merken, dass es jemanden gibt, der ihn durchs Leben trägt. Er umarmt Mariah, die ihn weiter Huckepack trägt, schließt die Augen und lächelt sein schönstes Lächeln.

Ich fühle mich wohl hier in diesem Dorf, wo wir uns grüßen, wo wir barfüßige Kinder in zerschlissenen Jeans nach Hause bringen, wo es niemals Uhrzeiten gibt, nur morning, afternoon und evening. Wo das Abwassersystem eine Rinne am Straßenrand ist und alle paar Tage der Strom ausfällt. Wo es zu viel Malaria, HIV und Typhus gibt und zu wenig Medizin. Harte Arbeit und harten Alltag, aber viel Gemeinschaft. Wo die Menschen trotz viel Bitterkeit die Süße schmecken, wo der harte Alltag ihre Herzen trotzdem weich bleiben lässt. Wo so viel Grund zur Klage ist, und ich doch meistens nur Lachen höre.

Wenn wir gleich die Kinder ins Dorf gebracht haben, werden sie im Halbdunkel noch eine Runde Fußball spielen und über das Torverhältnis streiten. Ich werde den schlafenden Kwaku im Ein-Zimmer-Haus seiner Familie auf den Boden legen, damit er weiter schlummern kann. Wir werden vielleicht noch fried plantain an einem der Stände kaufen, frittierte Kochbanane. Wir werden dem wahrscheinlich schnuckeligsten Kokosnussverkäufer Ghanas beim Zusammenpacken zusehen, und uns fragen, ob er wohl allein durch das Kokosnusshacken mit der Machete so einen beeindruckenden Oberkörper bekommen hat? Wir werden dann die zwei Kilometer zurücklaufen, durch die abendliche Schwüle und Schwärme von Motten und Mücken um die wenigen Lichter auf dem Weg. Wir werden quatschen und schweigen, und wenn ein Tro-Tro kommt, werden wir es anhalten und uns noch ein Stück mitnehmen lassen. Vielleicht ist auch noch ein Wassertanker unterwegs, der uns auf der Ladefläche mitfahren lässt. Im Haus ist es dann still, das fühlt sich komisch an, aber auch gut. Morgen ist ein neuer Tag, und ich genieße jeden weiteren, den ich hier sein darf.

Gute Nacht aus Ghana!