Berichte von 03/2014

There's more to see than can ever be seen more to do than can ever be done. There's far too much to take in here, more to find than can ever be found. (Tim Rice)

26März2014

 

Wir sind zurück in Kenia und erleben nochmal ein anderes Afrika: Weiter entwickelt einerseits, schmuddeliger und chaotischer andererseits. Zerschlissene Einfachheit statt gepflegter westafrikanischer Romantik. Die Wärme hier ist trocken, die Speisen weniger gewürzt und der Himmel ohne den Saharasand viel klarer.

Wir schwimmen in der ganz normalen kenianischen Verrücktheit und genießen eine etwas subtilere Freundlichkeit. Zurück in der unendlichen, ständig neu faszinierenden Weite Ostafrikas, wo wir im Bus Ich-wette-dass-ich-eine-Antilope-sehe-bevor-du-ein-Zebra-siehst spielen, wo ein Pläuschchen mit einem Massaikrieger im Schatten eines Baumes schrecklich normal erscheint und Pikipikis durch den roten Savannenstaub und Nairobis Rushhour fahren. Wir sind da, wo eine 700 Kilometer lange Zugreise 27 Stunden dauert, wo Giraffen majestätisch neben dem „Highway“ entlangschreiten und unsere Schatten am Mittag so kurz sind wie nie.

 

In Nairobi wohnen wir bei Gabriel im Jungen-Studentenwohnheim. Das Haus ist siffig, das Zimmer winzig, seine Freude und Gastfreundschaft dafür umso größer. Neun Quadratmeter Mückenparadies zwischen durchgelegenen Matratzen, Reisegepäck und Biologie-Skripten. Das Gebäude sieht eher aus wie ein behauster Rohbau: Auf bröckeligem Betonboden liegt so etwas wie eine Wachstuchtischdecke, die Fenster schließen nie ganz und die herausgefallenen Glasscheiben der Oberlichter zum Flur hin wurden durch Pappen und Spanplatten ersetzt. Wir kochen auf einer zweifelhaft installierten Heizspirale, essen aus dem Topf und merken wieder einmal: So ein Essen schmeckt besser als vieles andere. Am Abend gucken wir 12 Years a Slave, ein guter Film mit der oskarprämierten kenianischen Darstellerin Lopita. Richtig gemütlich wird es nicht- und das liegt nicht nur am Film. Martin zerdrückt eine Bettwanze auf seinem Bein und über die Laptoptastatur krabbelt, im Dämmerlicht des Filmes, eine Kakerlake.

 

Martin und Gabriel im Studentenwohnheim

 

 

Wir verbringen also einige Tage in Nairobi, treffen meine Gastbrüder William und Lawrence und meine Gastmama Alice. Auch in der Schule in Mowlem schauen wir nochmal vorbei: Mittlerweile in einem neuen Gebäude, herrscht hier das bekannte, fröhliche Durcheinander.

 

mit Alice in der neuen Schule

 

Wir schauen uns die Stadt an und vom höchsten Gebäude darauf hinab. Unten schwimmen wir im hektischen Strom weiter und essen Ugali, Kohl und Bohnen.

Mit dem Nachtzug reisen wir weiter nach Mombasa, Pannen und stundenlange Verspätungen inklusive. In Voi treffen wir Gabriel wieder, tanzen zu ostafrikanischem Dancehall, trinken billigen Mnazi auf dem Dach und hiken auf den höchsten Berg der Umgebung. Zwei Dorfjungs zeigen uns den Weg bis auf den letzten Felsen, hier gibt es weder Eintrittsgelder noch Pfade, nur große Schnecken, pieksige Büsche, Affen in den Bäumen und atemberaubende Aussichten. Um uns herum Tsavo East so weit man blicken kann, Savannenbäume und Elefanten. Über uns der ewige Himmel. Es scheint, als ob es schon immer so gewesen sein muss hier und als ob es immer so bleiben wolle. Ewig neu. Nairobis Großstadtgewusel und die Vorstellung, diese Gedanken mit einem Computer, für Euch lesbar, ins Internet zu tippen, erscheint so unwirklich. Nicht falsch oder schlecht- einfach unwirklich.

 

Elefanten entdecken in Tsavo East

 

Ich bin noch immer fasziniert von den unendlichen Weiten hier. Wenig anderes scheint so ewig lebendig zu sein wie Svannen mit sattgrünen Bäumen und Herden wilder Tiere, wie lachende und tobende Kinder im Dorf und wie die Sonne, groß, glühend und steil am Himmel, von dem in der Nacht unzählige Sterne auf uns herabregnen und an dem der Mond, heller als je zuvor gesehen, schweigsam wacht.

 

 

in Voi, Kenia

 

In Mombasa sitze ich am Strand: Bamburi, Bamburi, Bamburi. Das Wasser badewannenwarm, Dromedare trotten wie im Zeitlupe am Meeresufer. Martin schwimmt im türkisen Wasser, sonnenverbrannte Schulter, nasse Haare. Ich bin froh, dass wir zusammen hier sind: Ich erlebe, was ich schon kenne, mit anderen Augen und wir entdecken Neues gemeinsam. Die letzten Tage Afrika, die letzten Tage Urlaub, bevor das Wohnungssuchen in Köln beginnt, bevor ich ins Referendariat starte und Martin seine Bachelorarbeit schreibt. Bevor es Pflichten gibt und Erwartungen. Bevor ich aus einer Welt zurückkehre, die sich um ganz grundlegende Bedürfnisse dreht und dabei trotzdem beeindruckend entspannt und lebensfroh bleibt.

 

Ich werde schließlich im Flugzeug sitzen. Unter mir wird Afrika kleiner und kleiner werden. Ich werde mir Socken angezogen haben und feste Schuhe, in Deutschland wird es kühler sein. Es wird vertraut riechen, nach Stadt und Feld, vielleicht nach Regen, und bestimmt auch schon ein bisschen nach Frühlung. Es wird weniger nach verbranntem Plastik riechen und weniger nach offenem Abwassersystem und vielleicht ein bisschen weniger nach Freiheit. Ich werde mir einen Kalender kaufen und meine Armbanduhr tragen. Ich werde in einer beheizbaren Wohnung wohnen, wo immer Trinkwasser aus dem Hahn kommt. Trinkwasser, farb-, geschmack- und keimlos. Bald werde ich in einer Klasse unterrichten, in der bunte Plakate an der Wand hängen, wo es für jedes mathematische Problem passendes Material gibt und wo die Schüler Buntstifte in mindestens zehn verschiedenen Farben besitzen. Manchmal, in Ghana und Kenia, hab ich wehmütig an gefüllte Federmäppchen und Butterbrotdosen gedacht. Vielleicht werd' ich bald wehmütig an die Fahrt mit dem Schulbus in Ghana denken: Zwanzig laut singende Kinder, unermüdlich, musikalisch und fröhlich, und ein Busfahrer, der Sing! Shout!, oder louder! ruft, wenn sie nachlassen. Ich hab ein bisschen Sorge vor Klassenräumen, in denen man lieber nicht zu laut sein darf und vor Erwachsenen, die Kopfschmerzen bekommen vom Kinderlärm- und vielleicht auch ein bisschen Sorge vor komplexeren Problemen als Materialmangel und vor größeren Anforderungen als eine Stunde lang Beschäftigung von Zweitklässlern zu improvisieren.

 

 

Safisha Africa Kids, fröhlich wie immer

 

Die dünnen Papierseiten, auf denen ich diese Gedanken festhalte, flattern im warmen Wind. Meine Lippen schmecken nach Salz. In den letzten Monaten hätte ich nicht glücklicher sein können. Äquatornähe und Trockenzeit sei Dank: Zugegeben, ich hab' auch ordentlich Vitamin D getankt. Und frische Luft. Gemeinschaft. Tausende Momente hundertprozentiger Anwesenheit und viele Situationen großer göttlicher Abhängigkeit. Ich bin dankbar für die Zeit und die Erfahrungen hier und während ich an all die Glücksmomente denke, während Martin dahinten im Ozean planscht, verstehe ich: Das alles hört nicht auf, wenn ich heimkehre. Das alles ist nicht vorbei, wenn ich Flipflops wohl oder übel gegen feste Schuhe tausche. Wenn ich nicht mehr am warmen Strand, sondern am Rheinufer spaziere, wenn es beim Referendariatsunterricht so richtig drauf ankommt. Ich verstehe, dass das alles nicht vorbei sein wird, dass es hier- Sonnenschein, Rastazöpfe, Savannenweite- nur viel einfacher ist. Make happiness, not money, hat der Trommelbaumer am Strand vom Accra gesagt. Wer wird so etwas schon sagen in Deutschland, hab ich gedacht, und versucht, den Rhythmus nachzutrommeln. Poor in pocket, but happy in life, war auf ein Fischerboot in Ada Foah, Ghana, gepinselt. Und ich kann mehr lernen von den Afrikanern: Dass Zeit nehmen wichtig ist und eigentlich normal sein sollte.

 

bei Voi, Kenia

 

Ich hab den Verkäufer im Lebensmittelladen gefragt, ob er mir den Weg zu einer Mandazibäckerei erklären könnte. Let's go, hat er geantwortet, seine Kasse verlassen und mich quer über den Marktplatz gebracht. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen: Zeit ist schließlich Geld und man verschwendet nicht einfach anderer Leute Zeit. Zeit ist Geld bei uns, und Zeit ist Geld auch in Kenia. Geld, aber eben nicht Priorität Nummer eins und deshalb für meinen Mandaziguide gar kein Thema. Ein anderes Mal in Ghana wollte ich Zwiebeln kaufen. Der Zwiebelstand auf dem Markt aber war verlassen, der Zwiebelmann weit und breit nicht zu sehen. Die Tomatenfrau deutet auf die Moschee: Is prayer, sagt sie. You wait ten minutes. So einfach ist das: Wenn zum Gebet gerufen wird, geht man hin. Wenn jemand nach dem Weg fragt, bringt man ihn.

 

Am Abend vor unserem Rückflug übernachten wir wieder bei Gabriel. Der Abend mit Lopita und der Kakerlake, erinnert ihr euch? Die Zeit hier ist so schnell vergangen. Ich freue mich schon auch auf die Heimat: Freunde, Familie, tanzen. Mal wieder länger an einem festen Ort sein: Das Reisen der letzten Wochen, alle paar Tage woanders zu sein, ist auch anstrengend auf Dauer. Wir haben uns schlafen gelegt in Gabriels Zimmer. Vom Flur kann man noch Schritte hören und Lärm der anderen Bewohner. Ich höre Martin ruhig atmen, er ist eingeschlafen. Bald darauf erkenne ich auch Gabriels Atem, auch er schlummert. Morgen also ins Flugzeug. Die Taschen sind gepackt. Make happiness, not money. Wer wird sowas schon sagen? Hoffentlich ich, denke ich und drehe mich um auf der dünnen Matratze unter Gabriels Schreibtisch.

 

 

Reisen in Ghana

22März2014

vielleicht ein Grund, warum es hier keine Fitnesstudios gibt...

Zwei Wochen konnten wir in Ghana reisen, hier sind ein paar erste Bilder.... bald mehr.

Martin als Kokosnussfachverkäufer Fischerboote am Strand Elizabeth zeigt uns Cape Coast vom alten Leuchtturm aus ein guter Fang Martin am Strand Kosa Beach in der Nähe von Elmina wunderschöne Strände westlich von Cape Coast und Elmina

Updates

11März2014

Wir hängen ein bisschen hinterher mit dem Posten... uns geht es aber super und wir sind jetzt gut in Kenya angekommen und zunächst bei Gabriel im Studentenwohnheim untergekommen! Wir werden in den nächsten zwei Wochen noch viel reisen und unternehmen und uns dann in zwei Wochen aus Deutschland mit ein paar Berichten und Bildern melden.

Beste Grüße! :-)

Lena & Martin

Eidechsen im Klassenzimmer: Schulalltag in Ghana

03März2014

Letzte Woche hatte ich meinen letzten Schultag in der Fidif-School in Abokobi; Zeit, mal zu berichten von Schule in Ghana, wie ich sie erlebt habe.

Der Schultag in Fidif beginnt um acht Uhr mit einer Versammlung auf dem Schulhof. Die Kinder stellen sich auf, singen ein paar Hymnen, versprechen fleißig zu lernen um gemeinsam am Vaterland zu bauen (Arise, Ghana Youth for your country) und werden von den Lehrern daran erinnert, dass die Schulgebühren bezahlt werden müssen. (Es gibt in Ghana hauptsächlich private Schulen, die sich über Schulgebühren finanzieren. Auch wenn offiziell Schulpflicht besteht, gibt es zu wenig öffentliche, kostenlose Schulen- hier in der Gegend ist zum Beispiel gar keine. Wenn die Eltern sich die Schulbildung der Kinder nicht leisten können, gehen die Kinder gar nicht oder nur wenige Jahre zur Schule und arbeiten stattdessen mit den Eltern auf dem Feld, Markt oder sogar im Steinbruch. In extremen Fällen werden Kinder sogar an Fischer am Voltasee verkauft. Dass die von TANF gesponsorten Kinder rescued children heißen, hat also seinen Grund.)

So geordnet und geregelt wie die etwa 200 Schülerinnen und Schüler im Alter von zwei bis 15 Jahren morgens auf dem Schulhof stehen, wird es im Verlauf des Schultags selten wieder. Nach der Versammlung treffen wir Lehrer uns aber erstmal im Büro, wo wir ein paar Gospel singen und gemeinsam beten - dass wir gut unterrichten und die Kinder gut lernen können. Auch für die Fahrer der Schulbusse und die Köche wird gebetet. If we are united in His Love and work together, what shall stand against?, sagt Sir Bright, einer der Lehrer (Ghana gilt als das religiöseste Land der Welt- 96 Prozent der Bevölkerung gibt an, gläubig zu sein. Die meisten Ghanaer sind Christen, einige sind Muslime und einige gehören traditionell afrikanischen Religionsgemeinschaften an. How are you? Beantworten die meisten Ghanaer mit Oh I am good, by his grace!).

Zeichnen mit Class Five

Die erste Unterrichtsstunde dauert ungefähr anderthalb Stunden. Wenn ein Schüler schließlich mit einer kleinen Glocke an den Klassenzimmern vorbei rennt (Break time, please!), gibt’s eine Hofpause. Meistens kommt einer der Snackverkäufer mit seinem Fahrrad vorbei und man kann Gebäck und eingefrorenen Joghurt kaufen. Nochmal ungefähr anderthalb Stunden Unterricht bis zur Mittagspause (wir haben eine Köchin, die Reis oder Banku mit Soßen kocht) und eine dritte Unterrichtsstunde am Nachmittag, bis die Schule um 15 Uhr endet. An jedem Tag werden also drei Fächer unterrichtet. Generell gibt es Englisch, Mathematik, Französisch, ICT (Information Communication Technology), Religious and Moral Education und Science. Mittwoch gibt’s zwei Stunden Worship, Sport und AGs gibt's am Freitag. Da finden Wettrennen und Fußballspiele auf dem (unebenen, staubigen und teils schotterigen, teils mit Unkraut bewachsenen) Schulhof statt und alle machen mit- auch die Lehrer.

  Hofpause in Fidif

Das alles klingt durchorganisierter, als es tatsächlich ist! Irgendwie verschwinden ständig Hausaufgaben, Schulhefte und Bleistifte. Da werden Hausaufgaben abgeschrieben und da fliegen Tafelschwämme durch die Klasse. Ganz normales Chaos also! Ich verabschiede mich innerlich von den Buntstiften, als ich jedem Erstklässler einen Stift ausleihe, damit sie ihn für die Hausaufgaben nutzen können. Manche Kinder haben noch nie mit einem Buntstift gemalt. Am nächsten Morgen liegen 25 Hefte zur Korrektur auf meinem Pult- die meisten davon mit gemachten Hausaufgaben, aber ausschließlich alle mit dem Buntstift in der Mitte liegend.

Prince aus der Fünften malt mit den gespendeten Buntstiften

Okay, okay, it's juuust a lizard, can we all go back to work now? , höre ich mich sagen, nachdem eine gut fünfundzwanzig Zentimeter große Eidechse mit einem lauten Flaps! von der Decke und auf ein Schülerpult geknallt ist und die Kinder mit einer beeindruckenden Reaktionsgeschwindigkeit kreischend aufgesprungen sind. An anderen Tagen spazieren Hennen mit ihren Küken durchs Klassenzimmer. Wenn es trocken ist, bläst der Wind den Staub und Sand durch die unverglasten Fenster und in unsere Augen; wenn es regnet, prasselt es laut auf das Blechdach und an undichten Stellen ins Klassenzimmer. Unterrichtsstörungen mal anders.

Die Kinder hier sind energiegeladen (Martin: Was frühstücken die?!), herzlich, ausgelassen, sehr höflich und respektvoll. Jeder macht mal Blödsinn, jeder ärgert mal- aber die älteren Schüler und Lehrer werden immer respektiert.

Es gibt Lehrpläne, offiziell verfasst vom Ministerium für Bildung in Ghana, ausgedruckt und in jedem Klassenraum platziert. Ich möchte mal optimistisch meinen, dass wir uns stofftechnisch konsequent mitten im ersten Quartal bewegen- dass wir also gut ein halbes Jahr hinterher sind (und was die Schüler vom Unterrichtsstoff dann wirklich verstanden haben, ist nochmal eine andere Geschichte). Unterrichtsmaterial gibt es natürlich nicht- eine Tafel und Kreide in jedem Raum, mehr nicht.

Da soll ich Flächenberechnung üben mit den Fünftklässlern- und stelle ziemlich schnell fest, dass die Mehrheit der Schüler nicht mal eine Länge berechnen kann, nicht weiß was die kleinen Striche auf dem Lineal bedeuten (auf dem einen Lineal, das wir im Klassenraum haben), und dass sie ernsthaft probieren, 15 mal 100 schriftlich zu rechnen. Dass sie 400 Zentimeter nicht in Meter umrechnen können (von Dezimalzahlen mal ganz zu schweigen) und nicht wissen, dass ein Meter von hier bis zur Tafel und ein Kilometer von hier bis ins nächste Dorf ist.

Class one

In der zweiten Klasse wollen wir Zahlen in verschiedene mögliche Summanden zerlegen: Zehn ist fünf plus fünf, oder sechs plus vier, oder zwei plus acht... und so weiter. Nicht einer der Zweitklässler hat eine Vorstellung davon, wie das funktionieren soll, nicht einer hat eine Vorstellung von den abstrakten Zahlen. Ich male zehn Kreise an die Tafel und färbe fünf davon blau, fünf davon rot. Darunter wieder zehn Kreise, drei davon blau, sieben davon rot. Schön bildlich: Die Summe bleib immer zehn. Nach der Stunde kommt der Lehrer zu mir: Das sei ja alles schön. Aber das würde so lange dauern mit dem Malen, und das würde in der Klassenarbeit ja auch gar nicht abgefragt.

Ein anderer Lehrer erzählt mir: Ich weiß nicht, was ich mit Michael machen soll. Im Unterricht macht er mit, aber er macht nie seine Hausaufgaben! Ich glaube, seine Eltern kümmern sich nicht. Ich kann ihn doch nicht jeden Tag dafür bestrafen, dass seine Eltern da nicht hinterher sind? Und ob ich mich wohl mal darum kümmern könnte. Ich setz mich also mit Michael hin und geh die Hausaufgaben durch, um ein bisschen zu verstehen, wo sein Problem damit liegt. Dabei wird schnell klar: Er kann einfach so gut wie gar nicht lesen oder selbstständig schreiben. In der dritten Klasse. Fällt keinem auf sonst. Seit Jahren mogelt er sich irgendwie durch.

Dafür können ausnahmslos alle Kinder tanzen wie verrückt. Ich sehe total unbeholfen aus neben ihnen. Und beim Singen klatschen sie selbstständig einen komplizierten Rhythmus. Nicht nur so auf die 1 und die 3, sondern irgendwie dazwischen, dreimal hintereinander, lange Pause, zweimal, Pause, wieder dreimal, was weiß ich. Ich gucke dann immer heimlich bei ihnen ab. Sie lieben es auch, deutsche Lieder zu lernen. „Alle Kinder lernen lesen“ klingt total super, und anlässlich der fünften Jahreszeit üben wir jetzt „Kölle Alaaf“. Es stellt sich raus, dass „“Trömmelsche“ schwer auszusprechen ist. Aber ich geb' nicht auf, wenn sie Kamelle wollen, muss das gut klingen!

Wir lesen in einem Bilderbuch und machen ein Kunstprojekt dazu

An meinem letzten Schultag malen wir Bilder, singen und tanzen viel. So richtig interessiert es hier ohnehin keinen, was wir im Unterricht machen (Manchmal schaue ich in einer Klasse vorbei und stelle fest, dass sie angefangen haben, sich selbst zu unterrichten, weil der Lehrer einfach nicht aufgetaucht ist). Madam, don't go!, beschweren sie sich und schmeicheln mir mit ihrer ehrlichen Art (ich hab mich mit der Kamelle heute aber auch nochmal schön eingeschleimt!). Diese Offenherzigkeit und Ehrlichkeit schätze ich hier. Madam, why are you wearing two earings here?, haben sie mal gefragt und auf mein rechtes Ohr gezeigt. Find ich schön, hab ich geantwortet. Sie haben heftig den Kopf geschüttelt: No! Is not nice- oh! Am Ende einer Matheunterrichtsstunde hab ich mal zu hören bekommen: Madam is not good! I don't understand! You talk talk talk but I don't understand you. You must use other words tomorrow. (Okay). Jetzt kommt ein Fünftklässler zu mir – eigentlich einer von der Sorte obercool- und sagt: I will miss you, und über Emmanuelleas Wangen kullert eine dicke Träne.

Die Zeit hier in Fidif war lehrreich und schön. Ich habe die Möglichkeiten und Grenzen von Freiwilligenarbeit erfahren: Ich werde immer die Obruni, die Weiße blieben, werde immer einen anderen Zugang zu den Kindern haben als die afrikanischen Kollegen- und nicht unbedingt einen besseren. Aber durch das Engagement von TANF in den Schulen wurde in Fidif das Caning, das Schlagen der Schüler, abgeschafft und verboten. In den ersten zwei Wochen wurde dort extrem viel geschlagen, die Stimmung war schlecht und die Kinder hatten viel Angst beim Lernen. Für die meist unausgebildeten Lehrer, die das als Schüler selbst nie anders erlebt haben, war caning immer die schnellste und einfachste Methode. Das war wirklich das Schlimmste und Grausamste, was ich während meiner Zeit hier in Afrika gesehen habe. Mittlerweile hat sich die Stimmung an der Schule aber komplett verändert.

Hand auf's Herz: Fünftklässler zum Gernhaben

Zum Abschied singen die Kinder nochmal  Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen. Obwohl Ghana eines der am besten gestellten afrikanischen Länder ist, sehe ich jeden Tag: Es ist viel zu tun. Überall arbeiten Kinder, die in der Schule sein dürfen sollten. Die Schulen sind chaotisch und der Unterricht nicht besonders sinnvoll. Ich weiß, dass ich mit meinem bisschen Unterricht hier keine Schule und schon gar kein Land verändern kann- deshalb bin ich ja auch nicht hier. Aber die kleinen Leute, die heute lesen lernen, können ihr Land irgendwann mal verändern.

One child, one teacher, one book, one pen can change the world. (Makala Yousafzai) 

Der Weg ist lang, aber es passiert was in Ghana, und das ist gut zu sehen: Montag hat die erste öffentlich High School in Ghana aufgemacht - einen höheren Schulabschluss zu erwerben wird langsam aber sicher auch für Kinder aus armen Verhältnissen möglich. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos, Hallo Kinder, jetzt geht’s los!

Ich habe gerne hier gearbeitet. Ich freue mich jetzt auch auf mein Referendariat in Köln- mit ganz anderen Herausforderungen. Unterrichten macht mir Spaß- wenig Buntstifte hin oder her, mit den herzlichen und lebensfrohen Kindern hier ist es wirklich eine große Freude.