Berichte von 02/2014

Eat well, travel often

25Feb2014

Gestern ist Martin gut hier in Ghana angekommen und wir freuen uns sehr, uns wiederzusehen und jetzt Afrika gemeinsam erkunden zu dürfen.

Es ist interessant, durch ihn nochmal eine neue, "frische" Sichtweise auf Afrika zu bekommen und das Leben und den Alltag hier auch nochmal mit anderen Augen sehen zu können.

Martin hat schon so gut wie jedes Essen probiert, das angeboten wurde. Unser Trip nach Madina heute wurde zu einer kulinarischen Erkundungsreise. Ich beobachte bewundernd, wie er neugierig in sonnengetrocknete, knusprige  Fische beißt, als erstes afrikanisches Gericht ohne zu zögern Fufu mit scharfer Soße bestellt und begeistert einen Snack nach dem anderen- frische Kokosnuss, Ananassaft, Yams und Zuckerrohr- futtert. Am ersten Tag hat er schon einen beeindruckenden Teil der kulinarischen Highlights Ghanas probiert. Ich mag ja sehr gerne die frischen Früchte, Gemüse- und Reisgerichte, Wurzeln, Säfte oder Gebäcke hier- aber viele ghanaische Gerichte sind auch einfach sehr fleisch- oder fischlastig... Dass ich darauf verzichte bedeutet sicher auch dass ich einen gewissen Teil der (Ess-)Kultur hier verpasse (wobei mein Reis-Salat-Fried Plantain-Mittagessen großartig war und ich Martin nicht um den Fisch beneidet hab ;-)) 

Fufu und Ananassaft in Madina

In der Schule habe ich morgen schon meinen letzten Tag, die Arbeit hat mir Spaß gemacht. (Ich wollte Euch schon seit längerem vom Schulalltag hier berichten- das kommt noch...)

Jetzt freuen wir uns auf ein von Kwaku gekochtes Abendessen- Tomato Stew mit Reis- und planen ein bisschen unsere Zeit in Ghana und Kenia (wir haben die Flüge umgebucht und nochmal zwei Wochen in Kenia drangehängt).

Ich bin mittlerweile übrigens wieder topfit und bezweifle, dass ich überhaupt jemals Malaria hatte. Wenn man Kwaku den anderen krankenhauserfahrenen Afrikareisenden traut, ist "Malaria" immer die erste und einfachste Diagnose, Bluttests hin oder her. Wie dem auch sei- hauptsache wieder gesund.

Beste Grüße auch von Martin!

Vielleicht sind die gefährlichsten Aufenthaltsorte für einen Christen Sicherheit und Komfort (Shane Claiborne)

23Feb2014

Kontrolle aufgeben und Sicherheit finden zwischen Moskitos, Malaria und Skorpionen

There's no party like a tropical disease. Mit diesen Worten hat Gabriel seinen Typhus kommentiert, der ihm über Silvester fiebrige Schwindelanfälle beschehrt hat, während die Anderen im Nachtleben Nairobis das neue Jahr begrüßten. Vielleicht nimmt dieser Kommentar solche Krankheiten nicht ernst genug. Und natürlich wirkt dieser Kommentar wie Hohn in den Ohren jener vieler Menschen, die sich nicht mal eben versorgen lassen können, die kein Geld aufbringen können für einen Arzt und für die Typhus mehr ist als ein versautes Silvester.

Aber die eigene Krankheit mit Humor zu nehmen ist wohl eine gute Möglichkeit, um das Durchhaltevermögen aufrecht zu erhalten. 

Ich versuche mich also an die lockeren Worte meines Gastbruders zu erinnern, als mir die Krankenschwester in der Swan-Clinic (die edler klingt als sie ist!) eine Spritze gibt. Ich gebe zu, dass sich meine Malaria grade aber gar nicht wirklich witzig anfühlt.

Ich schlafe unter einem Moskitonetz und schlucke täglich schweineteure Malaria-Prävention. Vielleicht hätte ich mich doch öfter einsprühen sollen mit 40 prozentigem deet, einem Insektizit, das in der Nase beißt und auf der Haut brennt? Vielleicht hätte ich mal auf den Ratschlag in Mariahs Reiseführer hören sollen und lange Hosen, Shirts, Socken und ein Halstuch tragen sollen? (Und wer immer das geschrieben hat, war sehr wahrscheinlich noch nie hier! Wir haben 35 Grad und die Luft ist so schwül, dass man sie in Blöcke schneiden könnte!). Oder ich hätte mal auf den lustigen Verkäufer im Globetrotter in Köln gehört, der mit moskitoundurchlässigen, langärmligen Karohemden in verschiedenen Farben vor meiner Nase gewedelt hat. Oder auf einen Freund, der auf die Ankündigung meiner Reise hin ernst erklärt hat: Afrika ist ein gefährliches Land, und alles was ich leichtsinnig dachte war, dass es ist sogar ein ganzer gefährlicher Kontinent ist.

Malaria ist definitv kein weiteres cooles Reiseabenteuer, nichts worauf ich mich gefreut habe. (Den Riesenskorpion letztens hinter unserem Haus, der Mariah gefährlich nahe kam, zugegeben, den fanden wir ein bisschen cool. Gefährlich-cool.) Malaria ist eine andere Geschichte. Gefürchtet habe ich mich zwar nicht, und damit gerechnet habe ich auch irgendwie. Gehofft, drumrum zu kommen? Schon.

Mariah und ich hatten geplant, eine Freundin in der Stadt zu treffen. Mädelsabend: Kino und Pizza (so gut man das her umsetzen kann), vielleicht im Anschluss tanzen gehen. Das Wochenende genießen!

 

Die Moskitos haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin zum Glück frühzeitig ins Krankenhaus gefahren- als ich bloß ein bisschen Fieber und Gliederschmerzen hatte. Die Klinik ist düster (Stromausfall, mal wieder), der Putz blättert von den Wänden und aus dem Hahn im Bad kommt kein Wasser. Ich hab eine zerschlissene Patientenakte ausgestellt bekommen und da ich die einzige Patientin war, hat sich der alte, freundliche Dokor richtig viel Zeit genommen. We found some malaria parasites in your blood, lautete schließlich die Diagnose.

Nach einer Dreiviertelstunde konnte ich die Klinik wieder verlassen, läuft ja wie geschmiert hier. Ich bin 80 Ghana Cedi (ca 25 Euro) los, habe eine Spritze bekommen und einen Haufen Medikamente, die ich zu verschiedenen Zeiten nehmen soll (ich vermute, dass sie noch ihren Tagesumsatz machen mussten und mir deshalb noch Folsäure und Entwurmtabletten angedreht haben- so zur Sicherheit, ich wär ja schon ne Weile hier und mit dem ganzen afrikanischen Essen und dreckigen Wasser... Wie auch immer. Ich war zu k.o., um zu diskutieren. Und die 25 Euro wird meine Versicherung ohnehin zurückzahlen).

Ich bin rechtzeitig gekommen, es sind nur wenige Parasiten im Blut und mir geht's, Gott sei Dank, längst nicht so schlecht wie befürchtet. In ein paar Tagen bin ich wieder fit.

Afrikanische Fitmacher

Ich möchte auch gar kein großes Drama aus meiner Krankheit machen- wird schon wieder. Schnell mit den richtigen Medikamenten behandelt ist das nicht weiter schlimm. "That's Ghana for you", sagt Mariah liebevoll, die das Ganze schon hinter sich hat. "Kick it Nairobi style", schreibt Gabe mir aus Kenia. Ich weiß aber, dass wahrscheinlich im Umkreis von nur wenigen Kilometern andere Menschen fiebernd im Bett liegen- oder vielleicht sogar trotzdem kochen für die Kinder, den Hof fegen oder noch ein paar Tomaten verkaufen zu versuchen. Es gibt genug Menschen, die nicht mal eben in die Klinik fahren können mit einem Taxi, das etwa drei Euro kostet (das ist mehr, als einige jeden Tag zum Leben haben). Die nicht mal eben hinfahren können, geschweige denn die Behandlung bezahlen können. Die keine Versicherung haben, die über 25 Euro nur milde lächeln wird. Die mehr verpassen als einen Mädelsabend mit Kino, Popcorn, tanzen.

 

Afrika ist ein gefährlicher Ort? Malaria, Typhus, Mangofliegen (und wenn du nicht weißt, was Mangofliegen sind oder was sie mit ihren Eiern machen und du nicht besonders hart im Nehmen bist: lieber nicht googeln). Evil Black Buses of Doom, Townships, Slums. Und so weiter. Aber: Können all unsere Sorgen unser Leben auch nur um einen Tag verlängern? (vgl. Matthäus 6, 27). Und ich sehe erleichtert ein: Ich brauche mir gar nicht einbilden, dass es jemals in meiner Hand liegen würde (okay, diese Karohemden! Aber irgendwie bezweifel ich stark, dass die mich gerettet hätten). Ich verstehe beruhigt:

You're greater than my yesterdays, You hold me close today, You're the Lord of my tomorrows, my heart will always know: Your mercy saved me, your mercy made me whole. (Casting Crowns- Mercy)

Ich habe mein Leben selten sinnerfüllter empfunden als in den letzen Monaten, mich selten stärker behütet und getragen gefühlt. Wie Elisabeth und Ellen mir geschrieben haben: Afrika hinterlässt ein paar Schrammen am Bein, ein paar Narben an den Füßen, aber nicht an meiner Seele. Ich genese behütet und freue mich, dass Martin morgen schon hier sein wird und vier gemeinsame Wochen Afrika vor uns liegen. Ich freue mich auch, dann bald heimzukehren nach Europa zu Euch. Dabei geht's aber weniger um dem Entkommen vor Insekten und Tropenkrankheiten, weniger um verkehrssichere Autos mit ordentlicher Knautschzone statt Matatus, Tro-Tros und überbeladener Taxen. Weniger um heiße Badewannen mit duftendem Schaum statt Eimer-Duschen. Weniger um einen Job in Köln mit immer ausreichend Bleistiften und Bunstiften in hundert Farben, nicht in ghanaischen Townships oder kenianischen Slums mit Rasierklingen als Anspitzer-Ersatz. Schüler mit Schnupfen und nicht mit Krätze. Darum geht's nicht, freuen tu' ich mich trotzdem auch ein bisschen drauf.

Aber irgendwo stimmt das: Afrika ist ein gefährlicher Ort. Hat sich breit gemacht in meinem Herzen, will mich nicht mehr loslassen. Afrika geht nicht spurlos an mir vorüber. Ohne romantisieren zu wollen: mit rythmischer Trommelmusik, ausgelassenem Tanz. Mit Chapati und Dengu, mit frittierter Kochbanane und Kokosnuss. Mit hunderten strahlenden Augen, mit hunderten kleinen Händen, mit Karibu und Akwaaba (Willkommen), das immer so gemeint ist, mit brausenden Matatufahrten und atemberaubenden Spaziergängen. Oder nein, ich will keinen falschen Eindruck erwecken: Palmen sind auf Dauer nicht cooler als Tannenwälder, der Voltastausee nicht schöner als der Rhein und Mandazi schmecken nicht besser als mein Lieblingsfrühstücksbrötchen. Eine Ananas ist lecker, aber jetzt auch nicht besser als ein Apfel. (Flip Flops allerdings ziehe ich Winterstiefeln vor, und 12 Stunden Sonnenschein bevorzuge ich auch!)

Nein, Afrika hat mich inspiriert und hat sich breit gemacht in meinem Herzen vor allem mit Tanz, wenn einem danach ist, denn: when you feel like dancing, you have to dance. Mit tosendem Lobpreis, obwohl doch kaum genug Geld für das Abendessen da ist. Mit Menschen, die staunend und dankbar Kwa nini mimi? (Warum ich?) fragen, wenn ihnen etwas Gutes passiert und wenn sie sich gesegnet fühlen. Mit Menschlichkeit an Orten, über die wir sagen: Wie unmenschlich. Vielleicht mit Malaria und Typhus, aber niemals mit Stress oder Burn-out. Vielleicht mit kränkelndem Körper, aber mit wohlbehaltener Seele. Mit zerschrammten Knien, aber fröhlichem Herzen. Vielleicht mit fraglicher medizinischer Versorgung, aber niemals ohne echte Gemeinschaft. 

Medaase. Danke.

21Feb2014

Heute haben wir ein Waisenhaus in Akoti besucht und eine Menge Sachspenden vorbeigebracht. Endlich konnten wir die Kleidung aus eurem Paket verteilen, liebe Familie Kelch! Wir haben noch ein anderes Paket aus Schweden erwartet und die Sachen deshalb erst jetzt im Beky's Home vorbeigebracht (eure Stifte und Schreibwaren sind in bereits seit Wochen eifrig im Einsatz in unseren Schulen).

Zunächst dachten wir daran, die Kleider hier im Dorf zu verteilen, wo auch viele Kinder zerfledderte Klamotten tragen. Während die Eltern hier aber untereinander Kinderkleidung weitergeben können und innerhalb der Dorfgemeinschaft teilen, oder in der Regel ein paar Cedis für gebrauchte Kleidung haben, ist das Beky's Home in Akoti komplett auf Spenden angewiesen. Wir haben uns deshalb entschieden, ihnen eure Kleider zu geben. Wir hatten auch einige Nahrungsmittel dabei.

Nahrungsmittel und Kleidung- das Beky's Home ist auf Spenden angewiesen

Wir wurden dort sehr herzlich begrüßt und vom Heimleiter und einigen Kindern offiziell und feierlich empfangen, was mit ehrlich gesagt eher unangenehm war. Ein offizielles Übergabe-Foto musste wohl sein (ich überreiche symbolisch eine Dose Tomatenmark...) Unentschlossen

im Beky's Home zur offizellen Übergabe der Spenden

Zum Beky's Home gehören eine Schule, eine Fußball-Schule und eine Art Wohnheim (welches aus einem einzigen großen Raum besteht mit Turnmatten, die tagsüber an der Wand lehnen und nachts zum Schlafen genutzt werden und mit einem Schrankfach für jedes der vierzig Kinder im Alter von zwei bis vierzehn Jahren). Den Heimleiter habe ich als sehr warmherzig und freundlich erlebt, als sehr fürsorglich und umsorgend. Wir seien jederzeit herzlich Willkommen (und voraussichtlich werde ich nochmal vorbeischauen, bevor ich Ghana verlasse).

Die letztendliche Verteilung der Kleidungsstücke wollten wir den Mitarbeitern dort überlassen, in Ruhe. Ich hab' deshalb noch nicht gesehen, wie wunderbar die kleinen Mädels mit Euren Shirts aussehen. Ich hätte Euch zu gerne Fotos geschickt! Aber ich bin mir sicher: Eure Kleidung ist gut angekommen und wird wirklich gebraucht und lange getragen werden. Ich möchte einfach weitergeben, was der Heimleiter -mit Tränen in den Augen- gesagt hat, nachdem wir die Pakete aus dem Auto geladen haben:

God has heard our cry. Today, he has answered our prayer. Medaase.

das TANF-Team

Be soft. Do not let the world make you hard. Do not let the pain make you hate. Do not let the bitterness steal away your sweetness....

19Feb2014

... Take pride that even though the rest of the world may disagree- yous still believe it to be a beautiful place. (Kurt Vonnegut)

 

Ein gewöhnlicher Nachmittag in Teiman

 

„Auntie, Auntie, look at- oh!“, ruft Kofi schräg hinter mir.

„Auntie look at“, ist immer sehr vielversprechend. Die Jungs entdecken große Eidechsen unter Büschen und winzige Küken am Straßenrand. Sie wollen mir das Fahrrad von ihrem Freund zeigen, das aussieht wie ein normales, bisschen schrottiges Fahrrad, aber anscheinend irgendwas Cooles kann (hab nicht genau verstanden, was). Sie zeigen auf Flugzeuge am Himmel und rufen: „Auntie, look at, aeroplane! Is Madam Jennifer!“- sie sprechen von Jennifer, die letzte Woche abgereist ist. „Auntie, Auntie!“. Ich drehe mich um zu Kofi. Sein ganzes Gesicht strahlt begeistert, er zeigt auf einen Holztisch vor einer Hütte, die ein kleiner Shop ist. Auf dem Tisch liegen vier tote, steife Tiere. Ratten, ziemlich große Ratten? Ich komme ein Stück näher. Sehen ein bisschen aus wie Biber. „Is for cooking- oh“, erklärt Prince. Wir gehen weiter. Nur gut, dass der Begriff „vegeterian“ fast jedem Ghanaer ein Begriff ist.

Wir bringen die Jungs nach Hause. Sie sind nach der Schule gut zwei Kilometer aus dem Dorf bis in unsere Siedlung zu unserem Haus gelaufen. Wir haben Fußball gespielt, gemalt, getobt und wässrigen Kakao getrunken. Schürfwunden versorgt, Okpoti davon abgehalten unser Nachbarkind Elom zu verpügeln und Kwaku, an den Filzstiften zu nuckeln. Unser Wohnzimmer sieht jetzt renovierungsbedürftig aus. Bald wird es dunkel sein, und der Heimweg ist lang, deshalb bringen wir sie jeden Abend früh genug zurück (wenn's besonders chaotisch oder stressig war, beschließen wir auch mal eher, dass es wohl bald dunkel werden muss). Mal kommen sie zu dritt, mal zu siebt, mal nur die Großen, mal mit den Kleinen. Heute sind sie zu fünft, Jao, Okpoti, Prince, Kofi und Kwaku.

„Meine Biber haben Fieber oh die Armen“, fange ich an zu singen und denke noch an die toten Ratten-Biber auf dem Holztisch. Wir haben noch anderthalb Kilometer vor uns, uns die Chancen stehen gut dass die Jungs das ganze Lied bis zur Ankunft in Teiman drauf haben. Das Englischsprechen ist für sie eigentlich nichts anderes- Worte wiederholen, die sie kaum kennen. „will sich keiner denn der armen Tier' erbarmen... „ Klingt echt ziemlich überzeugend.

Kwaku, drei Jahre, ist vom Marsch hierher und vom Spielen ganz müde und auf meinem Rücken eingeschlafen, während wir laufen. Mittlerweile klappt das Tragen ganz gut, musste ich vor ein paar Wochen noch jedes Mädchen und jede Frau, die mir entgegenkam bitten, mir zu helfen das Tuch neu zu binden. Sie – manchmal zehnjährige, weise Mädchen, manchmal starke Mamas, manchmal zähe Omas mit coolen Sonnenbrillen, die im Schatten einer Palme entspannen - haben immer liebevoll lächelnd und ein bisschen stolz geholfen.

Jetzt lehnt Kwakus Köpfchen an meinem Rücken, Okpoti trödelt hinterher, Prince rennt vor und Jao schlägt Räder mitten auf der Straße. Nur alle paar Minuten kommt hier ein Tro-Tro oder ein Wassertanker laut hupend vorbeigebrettert. Hinter uns geht die Sonne langsam unter, verschwindet bald matt orange leuchtend hinter den Hügeln und Häusern. Jaos ganzer Körper ist voller Energie und Freude. Drei, vier, fünf, sechs, sieben Räder ohne Pause. Er rennt mitten auf der Straße weiter, sein weites Shirt flattert, er steckt es rennend und lachend in die Hose und macht mehr Radschläge, fünf, sechs, sieben, acht. Ich höre Okpotis Flipflops über den Asphalt schlurfen, ich höre Jaos Lachen und das Meckern der Ziegen, die im Müll am Straßenrand wühlen. Prince, zehn Jahre alt, klettert auf Mariahs Rücken und lässt sich lachend tragen. Er knabbert Erdnüsse und steckt Mariah jetzt kichernd und mit siffigen Fingern Erdnüsse in den Mund.

Das ist so ein Moment, den ich gerne festhalten würde, aber kein Foto, kein Film könnte das alles einfangen: Die große Sonne, die sich verabschiedet, die fröhlichen, tobenden Jungs, die freundlich-grüßenden Menschen, die jungen Männer die auf der Ladefläche des Pick-ups, der an uns vorbeisaust, stehen und winken. Schmuddelige, flatternde Shirts. Die rennenden Kinder in den Siedlungen rechts und links.

Die Leute, denen wir begegnen grüßen uns. Freude steckt an.

Wir kommen an kleinen Bretterbuden vorbei, Shops, in denen Gemüse, Tüten voller Mehl, Flaschen voller Öl, Seifen und kleine Kekspackungen verkauft werden. An der Hauptstraße zwischen unserer Siedlung und dem Dorf Teiman reihen sich vereinzelt Friseurläden, vor denen Frauen auf Plastikstühlen sitzen und die Haare gemacht bekommen, Werkstätten, vor denen Fensterrahmen geschweißt und Betten geschreinert werden, Blech- und Holzhütten mit kleinen Vordächern, unter denen Frauen vor alten Nähmaschinen sitzen und Kleider schneidern. Da sind Höfe, auf denen Fußball gespielt wird, und da sind Bretterbuden, Bars, in denen Fußball geschaut wird: Auf kleinen Fernsehern werden Spiele der deutschen und englischen Ligen übertragen (wenn ich den Leuten hier sage, dass ich aus der Nähe von Dortmund komme, wissen sie Bescheid). Da sind Kirchen- oft nicht mehr als Plastikstühle unter einem großen Blechdach, wo Gottesdienste stattfinden. Wir kommen am water supply vorbei, einer öffentlichen Wasserstelle, wo man aus einem großen Hahn Wasser abfüllen kann. Mädchen aus meiner vierten Klasse kommen uns entgegen mit Zehnlitereimern auf den Köpfen. Die Kinder, die uns kennen, grüßen uns beim Namen Madam Lena (klingt mehr wie Madam Liiiiiiiinaaa), Madam Mariah, Auntie Lena, Auntie Mariah, und für Kwabena, einen Freund aus dem Dorf, bin ich Abena, das ist der Name auf Twi für alle Frauen, die an einem Dienstag geboren sind (Dienstags-Jungs heißen, wie er, Kwabena). Kinder, die uns nicht kennen, rufen Obruni, Weiße, wenn wir uns nähern und Obruni Bye-bye wenn wir uns entfernen.

Eine Frau ruft uns jetzt meckernd hinterher: Prince könne ja wohl selbst laufen, so groß wie er sei. Stimmt. Aber er genießt es gerade so, und er, der sonst selbst so viel tragen und arbeiten muss, der sonst so viel Gewicht auf seinen Schultern hat, soll auch mal merken, dass es jemanden gibt, der ihn durchs Leben trägt. Er umarmt Mariah, die ihn weiter Huckepack trägt, schließt die Augen und lächelt sein schönstes Lächeln.

Ich fühle mich wohl hier in diesem Dorf, wo wir uns grüßen, wo wir barfüßige Kinder in zerschlissenen Jeans nach Hause bringen, wo es niemals Uhrzeiten gibt, nur morning, afternoon und evening. Wo das Abwassersystem eine Rinne am Straßenrand ist und alle paar Tage der Strom ausfällt. Wo es zu viel Malaria, HIV und Typhus gibt und zu wenig Medizin. Harte Arbeit und harten Alltag, aber viel Gemeinschaft. Wo die Menschen trotz viel Bitterkeit die Süße schmecken, wo der harte Alltag ihre Herzen trotzdem weich bleiben lässt. Wo so viel Grund zur Klage ist, und ich doch meistens nur Lachen höre.

Wenn wir gleich die Kinder ins Dorf gebracht haben, werden sie im Halbdunkel noch eine Runde Fußball spielen und über das Torverhältnis streiten. Ich werde den schlafenden Kwaku im Ein-Zimmer-Haus seiner Familie auf den Boden legen, damit er weiter schlummern kann. Wir werden vielleicht noch fried plantain an einem der Stände kaufen, frittierte Kochbanane. Wir werden dem wahrscheinlich schnuckeligsten Kokosnussverkäufer Ghanas beim Zusammenpacken zusehen, und uns fragen, ob er wohl allein durch das Kokosnusshacken mit der Machete so einen beeindruckenden Oberkörper bekommen hat? Wir werden dann die zwei Kilometer zurücklaufen, durch die abendliche Schwüle und Schwärme von Motten und Mücken um die wenigen Lichter auf dem Weg. Wir werden quatschen und schweigen, und wenn ein Tro-Tro kommt, werden wir es anhalten und uns noch ein Stück mitnehmen lassen. Vielleicht ist auch noch ein Wassertanker unterwegs, der uns auf der Ladefläche mitfahren lässt. Im Haus ist es dann still, das fühlt sich komisch an, aber auch gut. Morgen ist ein neuer Tag, und ich genieße jeden weiteren, den ich hier sein darf.

Gute Nacht aus Ghana!

 

 

 

Pathfinders: Als Gastautor auf thebarefootbeat.com

17Feb2014

Ich freue mich sehr, dass Mariah die englische Version meines Textes vom 20. Januar ("Coming Alive") auf ihrem gut besuchten Blog TheBarefootBeat veröffentlicht:

www.thebarefootbeat.com/2014/02/17/alive-in-africa

 

Beste Grüße aus Ghana!

"By the big tree"

13Feb2014

Eine schöne Beschreibung unseres Alltags hier findet ihr auf Mariahs Blog:

http://www.thebarefootbeat.com/2014/02/12/by-the-big-tree/ 

Viel Spaß beim Lesen und beste Grüße!

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen

11Feb2014

Dass dieses afrikanische Sprichwort hier wirklich umgesetzt wird, durfte ich in den letzten Wochen und Monaten erleben. Hier fühlt sich wirklich jeder für den Anderen und für die Kindern des Anderen verantwortlich. Die Türen sind offen- die Kinder gehen überall ein und aus, als seien sie überall gleich zu Hause. Jeder hat hier scheinbar das gleiche Recht, ein Kind zu erziehen, auch mit ihm zu schimpfen. Niemand kommt zum Nachbarn und beschwert sich: Dein Kind hat dies oder jenes gemacht, bitte tu was und mecker ne Runde mit ihm. Man meckert gleich selbst. Problem gelöst. Schon "große" Geschwister übernehmen viel Verantwortung. Die Zweitklässler tragen ihre kleinen Geschwister auf dem Rücken gebunden morgens zur Schule. Wenn jemand weint, kümmern sich oftmals nicht die Lehrer darum, sondern ältere Kinder. Sie passen gegenseitig aufeinander auf.

Es ist schön, an einem Ort zu leben, wo so viele Kinder sind. Irgendwo wird immer gelacht und getobt. Unsere Nachbarkinder Elom, Elokem, Elom und Kekele sind die Größten! Wenn sie am Nachmittag aus der Schule zurück sind und ihren Mittagsschlaf hinter sich haben, kommen sie in unser Wohnzimmer gestürmt- ready for some action. Wir geben unser bestes, coole Aunties zu sein. Unsere große Matratze im Wohnzimmer ist der beste Ort zum Toben, Knuddeln und Auskitzeln, und die Jungs lassen sich gerne von uns herumtragen oder etwas vorlesen.

Heute Abend haben wir zusätzlich drei Geschwisterjungs aus dem Dorf zu Besuch. Bei denen ist es zu Hause öfter mal sehr chaotisch (das sind die Kinder, von denen ich schonmal erzählt habe... die Troublemaker Prince, Okpoti und Kwaku, die seit kurzem endlich zur Schule gehen können) und deshalb bleiben sie heute Nacht hier bei uns. Wird sicher nicht besonders erholsam, aber immerhin ist hier Action in der Bude! :-)

Jennifer, Lena, Mariah und Samahr mit Elom und Elom

Aunite Samahr und Elom Auntie Lena und der andere Elom Elokem, der kleine Nerdunsere große Matratze im Wohnzimmer ist der beste Spielplatz

Beste Grüße an Euch, genießt den Abend!

(photo credit: Jennifer Addae und Mariah Friend)

I go to nature to be soothed an healed, and to have my senses put in tune once more. (John Burroughs)

09Feb2014

Wieder ist eine Woche in Ghana rum, schnell und erlebnisreich vergeht die Zeit hier. Bin ich wirklich schon fast zwei Monate hier- und soll ich wirklich schon in fünf Wochen nach Europa zurück?!

In der Schule läuft es super - später mehr!- und am Wochenende waren wir in der Umgebung unseres Dorfes wandern und sind zur Langune in die Volta- Region gefahren.

Selbst diese einfache Wanderung am Samstag war wunderschön. Zu dritt laufen wir einfach los, immer der Nase lang... wir kommen an Mango- und Cassavaplantagen vorbei und an vereinzelten Häusern und Hütten außerhalb der Dörfer und dank eines freundlichen Cassavabauern entdecken wir dann sogar eine Bambusfarm, die damals von den Sklaven angelegt wurde. Irgendwo in den Hügeln hinter Teiman stehen wir dann plötzlich mitten auf einer kleine Geflügelfarm. Die Arbeiter sind erst etwas verwundert, uns dort zu sehen, aber sie sind sehr einladend und zeigen uns die Farm. Israel, dem der Hof gehört, hat sich dann sogar Zeit genommen, uns zu einer alten Schlossruine zu führen. Nur noch ein paar alte Mauerreste sind übrig von einem Gebäude, das die Dänen um 1800 für den Sklavenhandel errichtet haben (Teiman liegt auf einer alten Sklavenhandelsroute). Mittlerweile hat die Natur alles zurückerobert- selbst den Weg dorthin musste Israel mit einem Buschmesser freischlagen. Israel war früher Immobilienmakler in Accra- hat sich dann aber gegen das hektische Großtstadtleben entschieden und die Farm aufgebaut. Und wirklich, es ist sehr ruhig und friedlich dort. Er verabschiedet uns schließlich und betont, dass wir jederzeit herzlich willkommen sind.

Hier, am Berg über Teiman, stand mal kleines Schloss: Lena, Israel, Mariah (phot credit Emilotte Persson

Ein einfacher Spaziergang hat uns zu interessanten Menschen und Orten geführt- direkt vor unserer Haustür...

Sonntag dann sind wir alle zusammen nach Ada Foah gefahren. Das liegt in der Voltaregion, also östlich von Accra. Hier trifft der Fluss aus dem Voltasee auf den Atlantik. Mit Booten gelangt man zu einem Strand, der wie eine kleine Halbinsel ist: Auf der einen Seite liegt der ruhige, breite Fluss, auf der anderen Seite der lebhafte Ozean. Ein Tag am Strand tut immer gut, wir haben viel gelacht und erzählt.

Reis, Banku und Albernheiten zum Mittagessen: Yves und Kwaku

Der Ort ist wirklich paradiesisch...! Auch die frische Luft ist angenehm. In Accra und selbst in Teiman ist es immer sehr staubig, zudem verbrennt ständig irgendwo jemand seinen Müll, und das Abwassersystem ist eine Rinne am Bordstein... Hier am Strand aber riechen wir nur das Meer und die Palmenwälder am Flussufer.

Samahr, Jen, Lena, Emilotte (photocredit Jennifer Addae) Rückfahrt nach einem Tag am Strand, mit Samahr (photo credit Jennifer Addae)

die große afrikanische Sonne geht unter über der Lagune Ghana, offensichtlich, ist nicht sehr sanft zu meinen Knien. (photo credit Jennifer Addae)

Rückreise (photo credit Laud Kwaku Akuffo)

Abends fahren wir in der Dämmerung mit einem Boot zurück und mit Motorbikes weiter ins Landesinnere. Diese Fahrt rundet den Tag wirklich perfekt ab und entschädigt für die unbequeme Fahrt im TroTro zurück nach Accra. Hier wartet eine neue Woche mit viel Arbeit auf uns- ich freue mich drauf und erzähle Euch bald mehr aus dem Schulalltag hier! 

mit Motorbikes geht's weiter.... (pho credit Jennifer Addae)

Bis bald!

Apfelbäume pflanzen in Nairobi

04Feb2014

Unsere Strategie sollte es nicht nur sein, das System zu konfrontieren, sondern es zu belagern. Ihm den Sauerstoff zu entziehen. Mit unserer Kunst, unsrer Musik, unserer Literatur, unserer Hartnäckigkeit und unserer Eigensinnigkeit, unserer Freude, unserer Großartigkeit , unserer bloßen Unnachgiebigkeit– und unserer Fähigkeit unsere eigenen Geschichten zu erzählen. Geschichten, die anders sind als die jener, deren Gehirne gewaschen wurden um dem System zu glauben. (Arundhati Roy, Übers. durch den Verfasser).

Eine meiner Lieblingsautorinnen, Arundhati Roy, hat das mal gesagt, und mich damit inspiriert, mit mehr Ausdauer, mehr Kunst, mehr Freunde und Cleverness versuchen durchs Leben zu gehen, mehr Geschichten zu hören und zu erzählen.

Ich möchte Euch deshalb in diesem Zusammenhang von dem Projekt Visit a Patient berichten, dass Kacey und Lilian in einem Krankenhaus in Nairobi auf die Beine gestellt haben. Ich durfte im Projekt mitarbeiten und möchte die eindrucksvollen Erlebnisse mit Euch teilen. Ich bewundere den Einsatz von Kacey und Lilian wirklich sehr: Zusammen mit anderen Freiwilligen kümmern sie sich um Langzeitpatienten, die keine Familienangehörigen mehr haben. Das sind vor allem verwaiste oder verlassene Kinder, aber auch einige verlassene ältere Menschen. Kacey, Lilian und die anderen gehen spazieren mit einer tadderigen alten Dame, die niemand sonst besuchen kommt, von der keiner weiß was genau sie hat und über welche die anderen Patienten flüstern: Sie ist von bösen Geistern besessen. Sie spielen Tischtennis im Hof der Cafeteria mit Jungs in zerfledderten, hellgrünen Krankenhauspyjamas und sie lernen Englisch und Rechnen mit ihnen. Sie schieben Patienten im Rollstuhl umher, von denen keiner weiß, ob sie überhaupt etwas mitbekommen oder die anfangen, auf Kiswahili zu schimpfen und die den Kuchen, den Kacey in der Cafeteria kauft, durch die Gegend spucken. Sie wechseln die Milch in den Fläschchen für die Babies und füttern sie. Unermüdlich, unnachgiebig. Weil Shosho, die tadderige Dame, am frühen Abend dann doch irgendwann lächelt. Weil der Mann im Rollstuhl, der schimpft und den Kuchen ausspuckt, alle paar Tage den Kuchen dann doch aufisst (ziemlich schnell). Weil sonst niemand mit Shosho spazieren geht, weil sonst niemand mit den Jungs im Hof tobt und weil sonst niemand die Milch wechselt und die Babies stattdessen mit verdorbener Milch gefüttert werden.

Kenyatta Hospital ist ein großes Krankenhaus mit vielen Stockwerken, ein alter Bau mit vielen Zimmern, zu wenig Zimmer für die vielen rostigen Betten mit durchgelegenen Matratzen und zu wenig Betten für die vielen Patienten. Viele Ärzte und Schwestern treffen wir nicht an in diesen Zimmern (aber die, die wir treffen, sind – wie alle Kenianer, die wir bisher kennengelernt haben- herzlich und nett). Die Zimmer sind voll, manchmal liegen Patienten im Flur auf dem Boden. Fast alle Patienten hier sind extrem krank. Patienten im Krankenhaus sind immer krank, das weiß ich, aber ins Kenyatta Hospital gehen viele Menschen erst dann, wenn es ohne medizinische Versorgung nicht mehr geht. Man geht nicht, wenn der Krebs entdeckt wird, sondern wenn er den Körper zerfressen hat. Man geht nicht, wenn man ein gebrochenens Bein hat, sondern wenn es einfach nicht zusammenwachsen will und schlimm entzündet ist.

Dass ich dort im Krankenhaus war, ist jetzt schon einige Wochen her, und erst jetzt kann ich die Eindrücke irgendwie ordnen. Ich möchte nicht verpassen, die Geschichten zu erzählen.Vielleicht ist das eine der Geschichten, die Arundhati Roy meint. Ich möchte Euch auch Christopher vorstellen, ich möchte, dass ihn jemand kennt.

Wir besuchen Kleinkinder, die Tumore und Infusionsnadeln in den kleinen Köpfchen haben, wie Lizzy. Ich bin ja keine Expertin, aber wahrscheinlich sollte Lizzy, erst ein paar Wochen alt und mit einem schrecklich großen Tumor im Kopf, jetzt nicht unbedingt mit uns in Kontakt kommen. Sie sind so winzig und ich doch bestimmt voller fremder Keime. Ich äußere meine Bedenken Kacey gegenüber. She has to be in intensive care anyways, sagt er. Ihr Atem ist pfeifend. But there's no way this is going to happen. We really hope she makes it. But chances aren't great that she survives her disease in this environment. I can't change the environment, I can't save her. I can only try to make her day and I can love her today. If we don't feed her, no one will. If we don't rock her, no one does.

Ich weiß fast nicht, wo ich zuerst hinschauen soll, und wo ich am Liebsten zuerst wegschauen würde. Die Kittel, die gewaschen werden müssten, der Flur, der mal wieder gefegt werden könnte, die Krankenhauseinfahrt, die so voller Schlaglöcher (Krater?) ist, dass ich mich frage, wie dort im Notfall ein Krankenwagen schnell und sicher herfahren soll. Dann fällt mir auf, dass ich noch nie einen Krankenwagen gesehen habe hier. Ich brauche zwischendurch mal kurz einen Moment zum Durchatmen und frage mich zum Bad durch. Es gibt nicht mal Seife auf der Toilette.

Später lerne ich Christopher kennen. Er ist elf Jahre alt und die letzten zwei von diesen elf Jahren hat er hier im Krankenhaus verbracht. Zwei Jahre sind lang, vor allem wenn man elf ist, und vor allem wenn man sie in diesem Krankenhaus verbringt, denke ich, als ich ihn treffe. Aber vielleicht sind zwei Jahre in Kibera, Nairobis größtem Slum, auch lang. Dass er schon so lang hier ist, erkenne ich nur daran, dass er sich wie selbstverständlich durch die Gänge und Höfe bewegt, und dass die Ärzte und Schwestern ihn grüßen. Das ist seine Nachbarschaft hier, sein Zuhause. Chris hat ein Bett mit einer alten Matratze in einem der vollen Zimmer bekommen, neben seinen Freunden Mark und Josh, die auch schon eine Weile hier sind. Chris hat keine Eltern, Kacey glaubt, dass sie verstorben sind. Das passiert in Kibera und überall. Seine übrigen Verwandten haben ihn ebenfalls verlassen, weil sie nicht für seine Behandlung und Therapie zahlen können. Auch das passiert in Kibera. Selbst wenn Chris entlassen werden könnte - er kann nirgendwo anders hin als auf die Straße, niemand kommt ihn besuchen, niemand käme ihn abholen. Christopher hat Krebs, mit besseren und schlechteren Zeiten. Im Moment ist eine bessere Zeit und er ist er ziemlich fit. Er spielt jeden Tag Tischtennis im Hof des Krankenhauses, und er ist richtig gut darin. Chris hat viel Zeit zum Üben und im Moment zum Glück viel Energie, er hüpft, tobt und jubelt viel zur Zeit, er lernt seine Englischvokabeln und liest in Schulbüchern. Eine richtige Schule hat er natürlich nie besucht, er hat Englisch und Lesen erst hier gelernt und im Krankenhaus findet sich immer jemand, der sich Zeit nimmt für ihn. Nicht die Ärzte, nicht die Schwestern, die sind unterbesetzt und schaffen es kaum, auch nur das Nötigste zu behandeln. Keiner weiß, ob Christopher die englischen Wörter mal brauchen wird. Ob er jemals lesen können muss. Keiner weiß, ob ihn jemals jemand abholen muss aus dem Kenyatta Hospital, indem die Zimmer voll sind mit Geschichten wie seiner. Aber das ist nicht wichtig. Wir können nur heute lieben, hat Kacey gesagt. Martin Luther hat gesagt:  „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ 

Ich finde all das schrecklich. Ich bin auch erst ein paar kurze Wochen in Afrika, habe noch nicht auf Mfangano gewohnt ohne fließend Wasser und habe noch nicht die Wohnungen unserer Schüler in Mowlem gesehen. Ich hab noch nicht die tiefe Schürfwunde einer Schülerin mit Klopapier und Tesafilm verbunden. Ich hab noch nicht den Jungs aus der Siebten Kleingeld in die Hand gedrückt, damit sie im Shop um die Ecke eine Rasierklinge kaufen können, und ich hab dann damit noch nicht den drei Centimeter langen, sehr dicken und seit Wochen eingewachsenen Dornen aus dem Fuß einer vierjährigen Schülerin geschnitten- auf dem Lehrerpult, zwischen Mathe-und Englischunterricht. Ich finde es schrecklich im Kenyatta Hospital und zeige das nicht, weil Chris das irgendwie überhaupt nicht so ausstrahlt. Da ist keine Trauer und keine Klage in seinem Blick, keine Suche nach Mitleid. Da ist zwischen den Hüpfern um die Tischtennisplatte manchmal ein kleines Zucken im Gesicht, wenn er ungünstig aufkommt mit dem Bein, das so ein Schraubgestell drumherum hat.

„Hat, cat, fat“, übt er die neuen Vokabeln, schaut mich fragend an, ob er wohl alles richtig ausgesprochen hat. Ich versuche die Welt aus seinen Augen zu sehen, und das ist schwer. Aber ich sehe Kacey, der mit ihm beim Tischtennis lacht und sich mit ihm freut, wenn er gewinnt, der ihn aber niemals extra gewinnen lässt. Ich seh', dass er heute Kraft hat zum Spielen, und dass Joshua zwar heute nicht mitspielen kann, weil irgendwas schlimm geschwollen ist hier seinem Auge, aber morgen vielleicht wieder, morgen ist er bestimmt wieder dabei. Ich seh' dass die Schwester die Hand hinhält, sodass er einschlagen kann, und dass sie mit ihm lacht, so richtig lacht, nicht einfach nur ein bisschen höflich lächelt. Ich seh', dass jeden Tag jemand kommt, der mit ihm spielt und lernt. Dass sich immer irgendwer kümmert, dass irgendwie für ihn gesorgt ist. Ich seh', dass die Gefahren hier im Kenyatta Hospital vielleicht einfach andere sind als in Kibera und dass das hier vielleicht nicht das schlechteste Zuhause ist.

Er hüpft vor mir den Gang entlang, schlittert mit seinen ausgelatschten Flipflops über den Boden. Wir sind auf dem Weg zurück in sein Zimmer. Aus dem Hof kann man Gesang hören, der Krankenhauschor probt grade. Patienten, Ärzte, Schwestern und Besucher treffen sich da und singen Hallelujah und Blessed be your name. Sie lachen. Blessed be Your name, when the sun's shining down on me, when the world's all as it should be. Blessed be your name when the road's marked with suffering, when there's pain in the offering. Sie genießen den Moment in vollen Zügen. Hier, wo so wenig Morgen ist, wird das Heute so groß geschrieben. Sie lachen, als wären wir nicht im Kenyatta Hospital, wo Babies sterben, die man vor die Eingangstür gelegt hat und die nie jemand besuchen kommt; sie lachen als wären wir nicht in einer Welt, die Menschen dazu bringt, Kinder wie Christopher zu verlassen. Als würden wir nicht Umstände schaffen, die Familien dazu zwingen, sein Lächeln zu vergessen und ihn allein zu lassen. Sie singen und loben aus ganzem Herzen. Das ist die Freude glaube ich, die Arundhati Roy meint. Christopher hüpft den Flur entlang, lässt die Aufzüge links liegen, öffnet die Tür zum Treppenhaus und dreht sich kurz um zu mir: „Twende, stairs“, erklärt er mit einem großartigen, ganz natürlichen Lächeln, „elevator is when you are sick“.

Mehr Infos zum Projekt im Kenyatta Hospital findet Ihr unter: www.visit-a-patient.webs.com

Forget not that the earth delights to feel your bare feet and the winds long to play with your hair (Khalil Gibran)

02Feb2014

Ausflug zu den Wasserfällen

nicht grade rauschend zur Zeit, aber trotzdem schön: Boti Falls Ghana

Heute haben wir - die Mädels, die zur Zeit bei TANF arbeiten, die Boti Waterfalls etwas außerhalb von Accra besucht. Im Moment fließt da nur wenig Wasser, weil Trockenzeit ist. So konnten wir aber darunter duschen!

Mariah, Jennifer, Lena: diese Dusche kann nur getoppt werden vom Baden im Bach mit Anja auf Mfangano

Der Ort wirkt magisch- fast wie eine andere Welt, nur ein paar hundert Meter tief im Dschungel, es ist ganz ruhig und friedlich dort. Wir waren die Einzigen weit und breit und hatten einen sehr schönen und entspannten Nachmittag, den wir mit baden, lesen, schreiben & guten Gesprächen verbracht haben (und, offensichtlich, mit ein paar albernen Selbstauslöser-Experimenten). Es tat gut, richtig in der Natur zu sein und ich freue mich auch, dass wir uns alle so toll verstehen!

Jennifer

Morgen starten wir dann in eine neue Schulwoche und wollen auch endlich die Kleider, die Sarah aus Deutschland geschickt hat, an die Familien verteilen. 

Beste Grüße!

Maybe there's a direct correlation between the level of happiness in one's life and the amount of silliness they allow into it.

01Feb2014

...ausprobieren kann man das ja zumindest mal ;-)

Fröhliche Wochenendgrüße aus Ghana!

Wir verbringen die Tage zu Hause, treffen Freunde aus dem Dorf zum Mittagessen, spielen mit den ständig kichernden und energiegeladenen Nachbarskindern ("Auntie will you come play now?!") und morgen wird gemeinsam gewandert.

Ich hoffe Euch geht's auch gut zu Hause. Vielen Dank für Eure vielen lieben und ermutigenden Kommentare und Mails.

Gute Geburtstagsparty, Papa, und liebe Grüße an alle Gäste! 

 

Let's be silly today. Mit Samahr, Jennifer & Elom

Auf dem Foto seht ihr meine Gastschwestern Samahr (aus Australien) und Jennifer (aus Belgien) und unseren Nachbarjungen Elom, der heute vier wird. Im Hintergrund unser Haus und links mein Fahrrad ;-)