Lena Anywhere: Neuer Blog

19Juli2014

Hier findet Ihr meinen neuen Blog mit vielen alten, ein paar aktuellen und immer wieder frischen Texten, von hier und dort & über dies & jenes:

Lena Anywhere

There's more to see than can ever be seen more to do than can ever be done. There's far too much to take in here, more to find than can ever be found. (Tim Rice)

26März2014

 

Wir sind zurück in Kenia und erleben nochmal ein anderes Afrika: Weiter entwickelt einerseits, schmuddeliger und chaotischer andererseits. Zerschlissene Einfachheit statt gepflegter westafrikanischer Romantik. Die Wärme hier ist trocken, die Speisen weniger gewürzt und der Himmel ohne den Saharasand viel klarer.

Wir schwimmen in der ganz normalen kenianischen Verrücktheit und genießen eine etwas subtilere Freundlichkeit. Zurück in der unendlichen, ständig neu faszinierenden Weite Ostafrikas, wo wir im Bus Ich-wette-dass-ich-eine-Antilope-sehe-bevor-du-ein-Zebra-siehst spielen, wo ein Pläuschchen mit einem Massaikrieger im Schatten eines Baumes schrecklich normal erscheint und Pikipikis durch den roten Savannenstaub und Nairobis Rushhour fahren. Wir sind da, wo eine 700 Kilometer lange Zugreise 27 Stunden dauert, wo Giraffen majestätisch neben dem „Highway“ entlangschreiten und unsere Schatten am Mittag so kurz sind wie nie.

 

In Nairobi wohnen wir bei Gabriel im Jungen-Studentenwohnheim. Das Haus ist siffig, das Zimmer winzig, seine Freude und Gastfreundschaft dafür umso größer. Neun Quadratmeter Mückenparadies zwischen durchgelegenen Matratzen, Reisegepäck und Biologie-Skripten. Das Gebäude sieht eher aus wie ein behauster Rohbau: Auf bröckeligem Betonboden liegt so etwas wie eine Wachstuchtischdecke, die Fenster schließen nie ganz und die herausgefallenen Glasscheiben der Oberlichter zum Flur hin wurden durch Pappen und Spanplatten ersetzt. Wir kochen auf einer zweifelhaft installierten Heizspirale, essen aus dem Topf und merken wieder einmal: So ein Essen schmeckt besser als vieles andere. Am Abend gucken wir 12 Years a Slave, ein guter Film mit der oskarprämierten kenianischen Darstellerin Lopita. Richtig gemütlich wird es nicht- und das liegt nicht nur am Film. Martin zerdrückt eine Bettwanze auf seinem Bein und über die Laptoptastatur krabbelt, im Dämmerlicht des Filmes, eine Kakerlake.

 

Martin und Gabriel im Studentenwohnheim

 

 

Wir verbringen also einige Tage in Nairobi, treffen meine Gastbrüder William und Lawrence und meine Gastmama Alice. Auch in der Schule in Mowlem schauen wir nochmal vorbei: Mittlerweile in einem neuen Gebäude, herrscht hier das bekannte, fröhliche Durcheinander.

 

mit Alice in der neuen Schule

 

Wir schauen uns die Stadt an und vom höchsten Gebäude darauf hinab. Unten schwimmen wir im hektischen Strom weiter und essen Ugali, Kohl und Bohnen.

Mit dem Nachtzug reisen wir weiter nach Mombasa, Pannen und stundenlange Verspätungen inklusive. In Voi treffen wir Gabriel wieder, tanzen zu ostafrikanischem Dancehall, trinken billigen Mnazi auf dem Dach und hiken auf den höchsten Berg der Umgebung. Zwei Dorfjungs zeigen uns den Weg bis auf den letzten Felsen, hier gibt es weder Eintrittsgelder noch Pfade, nur große Schnecken, pieksige Büsche, Affen in den Bäumen und atemberaubende Aussichten. Um uns herum Tsavo East so weit man blicken kann, Savannenbäume und Elefanten. Über uns der ewige Himmel. Es scheint, als ob es schon immer so gewesen sein muss hier und als ob es immer so bleiben wolle. Ewig neu. Nairobis Großstadtgewusel und die Vorstellung, diese Gedanken mit einem Computer, für Euch lesbar, ins Internet zu tippen, erscheint so unwirklich. Nicht falsch oder schlecht- einfach unwirklich.

 

Elefanten entdecken in Tsavo East

 

Ich bin noch immer fasziniert von den unendlichen Weiten hier. Wenig anderes scheint so ewig lebendig zu sein wie Svannen mit sattgrünen Bäumen und Herden wilder Tiere, wie lachende und tobende Kinder im Dorf und wie die Sonne, groß, glühend und steil am Himmel, von dem in der Nacht unzählige Sterne auf uns herabregnen und an dem der Mond, heller als je zuvor gesehen, schweigsam wacht.

 

 

in Voi, Kenia

 

In Mombasa sitze ich am Strand: Bamburi, Bamburi, Bamburi. Das Wasser badewannenwarm, Dromedare trotten wie im Zeitlupe am Meeresufer. Martin schwimmt im türkisen Wasser, sonnenverbrannte Schulter, nasse Haare. Ich bin froh, dass wir zusammen hier sind: Ich erlebe, was ich schon kenne, mit anderen Augen und wir entdecken Neues gemeinsam. Die letzten Tage Afrika, die letzten Tage Urlaub, bevor das Wohnungssuchen in Köln beginnt, bevor ich ins Referendariat starte und Martin seine Bachelorarbeit schreibt. Bevor es Pflichten gibt und Erwartungen. Bevor ich aus einer Welt zurückkehre, die sich um ganz grundlegende Bedürfnisse dreht und dabei trotzdem beeindruckend entspannt und lebensfroh bleibt.

 

Ich werde schließlich im Flugzeug sitzen. Unter mir wird Afrika kleiner und kleiner werden. Ich werde mir Socken angezogen haben und feste Schuhe, in Deutschland wird es kühler sein. Es wird vertraut riechen, nach Stadt und Feld, vielleicht nach Regen, und bestimmt auch schon ein bisschen nach Frühlung. Es wird weniger nach verbranntem Plastik riechen und weniger nach offenem Abwassersystem und vielleicht ein bisschen weniger nach Freiheit. Ich werde mir einen Kalender kaufen und meine Armbanduhr tragen. Ich werde in einer beheizbaren Wohnung wohnen, wo immer Trinkwasser aus dem Hahn kommt. Trinkwasser, farb-, geschmack- und keimlos. Bald werde ich in einer Klasse unterrichten, in der bunte Plakate an der Wand hängen, wo es für jedes mathematische Problem passendes Material gibt und wo die Schüler Buntstifte in mindestens zehn verschiedenen Farben besitzen. Manchmal, in Ghana und Kenia, hab ich wehmütig an gefüllte Federmäppchen und Butterbrotdosen gedacht. Vielleicht werd' ich bald wehmütig an die Fahrt mit dem Schulbus in Ghana denken: Zwanzig laut singende Kinder, unermüdlich, musikalisch und fröhlich, und ein Busfahrer, der Sing! Shout!, oder louder! ruft, wenn sie nachlassen. Ich hab ein bisschen Sorge vor Klassenräumen, in denen man lieber nicht zu laut sein darf und vor Erwachsenen, die Kopfschmerzen bekommen vom Kinderlärm- und vielleicht auch ein bisschen Sorge vor komplexeren Problemen als Materialmangel und vor größeren Anforderungen als eine Stunde lang Beschäftigung von Zweitklässlern zu improvisieren.

 

 

Safisha Africa Kids, fröhlich wie immer

 

Die dünnen Papierseiten, auf denen ich diese Gedanken festhalte, flattern im warmen Wind. Meine Lippen schmecken nach Salz. In den letzten Monaten hätte ich nicht glücklicher sein können. Äquatornähe und Trockenzeit sei Dank: Zugegeben, ich hab' auch ordentlich Vitamin D getankt. Und frische Luft. Gemeinschaft. Tausende Momente hundertprozentiger Anwesenheit und viele Situationen großer göttlicher Abhängigkeit. Ich bin dankbar für die Zeit und die Erfahrungen hier und während ich an all die Glücksmomente denke, während Martin dahinten im Ozean planscht, verstehe ich: Das alles hört nicht auf, wenn ich heimkehre. Das alles ist nicht vorbei, wenn ich Flipflops wohl oder übel gegen feste Schuhe tausche. Wenn ich nicht mehr am warmen Strand, sondern am Rheinufer spaziere, wenn es beim Referendariatsunterricht so richtig drauf ankommt. Ich verstehe, dass das alles nicht vorbei sein wird, dass es hier- Sonnenschein, Rastazöpfe, Savannenweite- nur viel einfacher ist. Make happiness, not money, hat der Trommelbaumer am Strand vom Accra gesagt. Wer wird so etwas schon sagen in Deutschland, hab ich gedacht, und versucht, den Rhythmus nachzutrommeln. Poor in pocket, but happy in life, war auf ein Fischerboot in Ada Foah, Ghana, gepinselt. Und ich kann mehr lernen von den Afrikanern: Dass Zeit nehmen wichtig ist und eigentlich normal sein sollte.

 

bei Voi, Kenia

 

Ich hab den Verkäufer im Lebensmittelladen gefragt, ob er mir den Weg zu einer Mandazibäckerei erklären könnte. Let's go, hat er geantwortet, seine Kasse verlassen und mich quer über den Marktplatz gebracht. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen: Zeit ist schließlich Geld und man verschwendet nicht einfach anderer Leute Zeit. Zeit ist Geld bei uns, und Zeit ist Geld auch in Kenia. Geld, aber eben nicht Priorität Nummer eins und deshalb für meinen Mandaziguide gar kein Thema. Ein anderes Mal in Ghana wollte ich Zwiebeln kaufen. Der Zwiebelstand auf dem Markt aber war verlassen, der Zwiebelmann weit und breit nicht zu sehen. Die Tomatenfrau deutet auf die Moschee: Is prayer, sagt sie. You wait ten minutes. So einfach ist das: Wenn zum Gebet gerufen wird, geht man hin. Wenn jemand nach dem Weg fragt, bringt man ihn.

 

Am Abend vor unserem Rückflug übernachten wir wieder bei Gabriel. Der Abend mit Lopita und der Kakerlake, erinnert ihr euch? Die Zeit hier ist so schnell vergangen. Ich freue mich schon auch auf die Heimat: Freunde, Familie, tanzen. Mal wieder länger an einem festen Ort sein: Das Reisen der letzten Wochen, alle paar Tage woanders zu sein, ist auch anstrengend auf Dauer. Wir haben uns schlafen gelegt in Gabriels Zimmer. Vom Flur kann man noch Schritte hören und Lärm der anderen Bewohner. Ich höre Martin ruhig atmen, er ist eingeschlafen. Bald darauf erkenne ich auch Gabriels Atem, auch er schlummert. Morgen also ins Flugzeug. Die Taschen sind gepackt. Make happiness, not money. Wer wird sowas schon sagen? Hoffentlich ich, denke ich und drehe mich um auf der dünnen Matratze unter Gabriels Schreibtisch.

 

 

Reisen in Ghana

22März2014

vielleicht ein Grund, warum es hier keine Fitnesstudios gibt...

Zwei Wochen konnten wir in Ghana reisen, hier sind ein paar erste Bilder.... bald mehr.

Martin als Kokosnussfachverkäufer Fischerboote am Strand Elizabeth zeigt uns Cape Coast vom alten Leuchtturm aus ein guter Fang Martin am Strand Kosa Beach in der Nähe von Elmina wunderschöne Strände westlich von Cape Coast und Elmina

Updates

11März2014

Wir hängen ein bisschen hinterher mit dem Posten... uns geht es aber super und wir sind jetzt gut in Kenya angekommen und zunächst bei Gabriel im Studentenwohnheim untergekommen! Wir werden in den nächsten zwei Wochen noch viel reisen und unternehmen und uns dann in zwei Wochen aus Deutschland mit ein paar Berichten und Bildern melden.

Beste Grüße! :-)

Lena & Martin

Eidechsen im Klassenzimmer: Schulalltag in Ghana

03März2014

Letzte Woche hatte ich meinen letzten Schultag in der Fidif-School in Abokobi; Zeit, mal zu berichten von Schule in Ghana, wie ich sie erlebt habe.

Der Schultag in Fidif beginnt um acht Uhr mit einer Versammlung auf dem Schulhof. Die Kinder stellen sich auf, singen ein paar Hymnen, versprechen fleißig zu lernen um gemeinsam am Vaterland zu bauen (Arise, Ghana Youth for your country) und werden von den Lehrern daran erinnert, dass die Schulgebühren bezahlt werden müssen. (Es gibt in Ghana hauptsächlich private Schulen, die sich über Schulgebühren finanzieren. Auch wenn offiziell Schulpflicht besteht, gibt es zu wenig öffentliche, kostenlose Schulen- hier in der Gegend ist zum Beispiel gar keine. Wenn die Eltern sich die Schulbildung der Kinder nicht leisten können, gehen die Kinder gar nicht oder nur wenige Jahre zur Schule und arbeiten stattdessen mit den Eltern auf dem Feld, Markt oder sogar im Steinbruch. In extremen Fällen werden Kinder sogar an Fischer am Voltasee verkauft. Dass die von TANF gesponsorten Kinder rescued children heißen, hat also seinen Grund.)

So geordnet und geregelt wie die etwa 200 Schülerinnen und Schüler im Alter von zwei bis 15 Jahren morgens auf dem Schulhof stehen, wird es im Verlauf des Schultags selten wieder. Nach der Versammlung treffen wir Lehrer uns aber erstmal im Büro, wo wir ein paar Gospel singen und gemeinsam beten - dass wir gut unterrichten und die Kinder gut lernen können. Auch für die Fahrer der Schulbusse und die Köche wird gebetet. If we are united in His Love and work together, what shall stand against?, sagt Sir Bright, einer der Lehrer (Ghana gilt als das religiöseste Land der Welt- 96 Prozent der Bevölkerung gibt an, gläubig zu sein. Die meisten Ghanaer sind Christen, einige sind Muslime und einige gehören traditionell afrikanischen Religionsgemeinschaften an. How are you? Beantworten die meisten Ghanaer mit Oh I am good, by his grace!).

Zeichnen mit Class Five

Die erste Unterrichtsstunde dauert ungefähr anderthalb Stunden. Wenn ein Schüler schließlich mit einer kleinen Glocke an den Klassenzimmern vorbei rennt (Break time, please!), gibt’s eine Hofpause. Meistens kommt einer der Snackverkäufer mit seinem Fahrrad vorbei und man kann Gebäck und eingefrorenen Joghurt kaufen. Nochmal ungefähr anderthalb Stunden Unterricht bis zur Mittagspause (wir haben eine Köchin, die Reis oder Banku mit Soßen kocht) und eine dritte Unterrichtsstunde am Nachmittag, bis die Schule um 15 Uhr endet. An jedem Tag werden also drei Fächer unterrichtet. Generell gibt es Englisch, Mathematik, Französisch, ICT (Information Communication Technology), Religious and Moral Education und Science. Mittwoch gibt’s zwei Stunden Worship, Sport und AGs gibt's am Freitag. Da finden Wettrennen und Fußballspiele auf dem (unebenen, staubigen und teils schotterigen, teils mit Unkraut bewachsenen) Schulhof statt und alle machen mit- auch die Lehrer.

  Hofpause in Fidif

Das alles klingt durchorganisierter, als es tatsächlich ist! Irgendwie verschwinden ständig Hausaufgaben, Schulhefte und Bleistifte. Da werden Hausaufgaben abgeschrieben und da fliegen Tafelschwämme durch die Klasse. Ganz normales Chaos also! Ich verabschiede mich innerlich von den Buntstiften, als ich jedem Erstklässler einen Stift ausleihe, damit sie ihn für die Hausaufgaben nutzen können. Manche Kinder haben noch nie mit einem Buntstift gemalt. Am nächsten Morgen liegen 25 Hefte zur Korrektur auf meinem Pult- die meisten davon mit gemachten Hausaufgaben, aber ausschließlich alle mit dem Buntstift in der Mitte liegend.

Prince aus der Fünften malt mit den gespendeten Buntstiften

Okay, okay, it's juuust a lizard, can we all go back to work now? , höre ich mich sagen, nachdem eine gut fünfundzwanzig Zentimeter große Eidechse mit einem lauten Flaps! von der Decke und auf ein Schülerpult geknallt ist und die Kinder mit einer beeindruckenden Reaktionsgeschwindigkeit kreischend aufgesprungen sind. An anderen Tagen spazieren Hennen mit ihren Küken durchs Klassenzimmer. Wenn es trocken ist, bläst der Wind den Staub und Sand durch die unverglasten Fenster und in unsere Augen; wenn es regnet, prasselt es laut auf das Blechdach und an undichten Stellen ins Klassenzimmer. Unterrichtsstörungen mal anders.

Die Kinder hier sind energiegeladen (Martin: Was frühstücken die?!), herzlich, ausgelassen, sehr höflich und respektvoll. Jeder macht mal Blödsinn, jeder ärgert mal- aber die älteren Schüler und Lehrer werden immer respektiert.

Es gibt Lehrpläne, offiziell verfasst vom Ministerium für Bildung in Ghana, ausgedruckt und in jedem Klassenraum platziert. Ich möchte mal optimistisch meinen, dass wir uns stofftechnisch konsequent mitten im ersten Quartal bewegen- dass wir also gut ein halbes Jahr hinterher sind (und was die Schüler vom Unterrichtsstoff dann wirklich verstanden haben, ist nochmal eine andere Geschichte). Unterrichtsmaterial gibt es natürlich nicht- eine Tafel und Kreide in jedem Raum, mehr nicht.

Da soll ich Flächenberechnung üben mit den Fünftklässlern- und stelle ziemlich schnell fest, dass die Mehrheit der Schüler nicht mal eine Länge berechnen kann, nicht weiß was die kleinen Striche auf dem Lineal bedeuten (auf dem einen Lineal, das wir im Klassenraum haben), und dass sie ernsthaft probieren, 15 mal 100 schriftlich zu rechnen. Dass sie 400 Zentimeter nicht in Meter umrechnen können (von Dezimalzahlen mal ganz zu schweigen) und nicht wissen, dass ein Meter von hier bis zur Tafel und ein Kilometer von hier bis ins nächste Dorf ist.

Class one

In der zweiten Klasse wollen wir Zahlen in verschiedene mögliche Summanden zerlegen: Zehn ist fünf plus fünf, oder sechs plus vier, oder zwei plus acht... und so weiter. Nicht einer der Zweitklässler hat eine Vorstellung davon, wie das funktionieren soll, nicht einer hat eine Vorstellung von den abstrakten Zahlen. Ich male zehn Kreise an die Tafel und färbe fünf davon blau, fünf davon rot. Darunter wieder zehn Kreise, drei davon blau, sieben davon rot. Schön bildlich: Die Summe bleib immer zehn. Nach der Stunde kommt der Lehrer zu mir: Das sei ja alles schön. Aber das würde so lange dauern mit dem Malen, und das würde in der Klassenarbeit ja auch gar nicht abgefragt.

Ein anderer Lehrer erzählt mir: Ich weiß nicht, was ich mit Michael machen soll. Im Unterricht macht er mit, aber er macht nie seine Hausaufgaben! Ich glaube, seine Eltern kümmern sich nicht. Ich kann ihn doch nicht jeden Tag dafür bestrafen, dass seine Eltern da nicht hinterher sind? Und ob ich mich wohl mal darum kümmern könnte. Ich setz mich also mit Michael hin und geh die Hausaufgaben durch, um ein bisschen zu verstehen, wo sein Problem damit liegt. Dabei wird schnell klar: Er kann einfach so gut wie gar nicht lesen oder selbstständig schreiben. In der dritten Klasse. Fällt keinem auf sonst. Seit Jahren mogelt er sich irgendwie durch.

Dafür können ausnahmslos alle Kinder tanzen wie verrückt. Ich sehe total unbeholfen aus neben ihnen. Und beim Singen klatschen sie selbstständig einen komplizierten Rhythmus. Nicht nur so auf die 1 und die 3, sondern irgendwie dazwischen, dreimal hintereinander, lange Pause, zweimal, Pause, wieder dreimal, was weiß ich. Ich gucke dann immer heimlich bei ihnen ab. Sie lieben es auch, deutsche Lieder zu lernen. „Alle Kinder lernen lesen“ klingt total super, und anlässlich der fünften Jahreszeit üben wir jetzt „Kölle Alaaf“. Es stellt sich raus, dass „“Trömmelsche“ schwer auszusprechen ist. Aber ich geb' nicht auf, wenn sie Kamelle wollen, muss das gut klingen!

Wir lesen in einem Bilderbuch und machen ein Kunstprojekt dazu

An meinem letzten Schultag malen wir Bilder, singen und tanzen viel. So richtig interessiert es hier ohnehin keinen, was wir im Unterricht machen (Manchmal schaue ich in einer Klasse vorbei und stelle fest, dass sie angefangen haben, sich selbst zu unterrichten, weil der Lehrer einfach nicht aufgetaucht ist). Madam, don't go!, beschweren sie sich und schmeicheln mir mit ihrer ehrlichen Art (ich hab mich mit der Kamelle heute aber auch nochmal schön eingeschleimt!). Diese Offenherzigkeit und Ehrlichkeit schätze ich hier. Madam, why are you wearing two earings here?, haben sie mal gefragt und auf mein rechtes Ohr gezeigt. Find ich schön, hab ich geantwortet. Sie haben heftig den Kopf geschüttelt: No! Is not nice- oh! Am Ende einer Matheunterrichtsstunde hab ich mal zu hören bekommen: Madam is not good! I don't understand! You talk talk talk but I don't understand you. You must use other words tomorrow. (Okay). Jetzt kommt ein Fünftklässler zu mir – eigentlich einer von der Sorte obercool- und sagt: I will miss you, und über Emmanuelleas Wangen kullert eine dicke Träne.

Die Zeit hier in Fidif war lehrreich und schön. Ich habe die Möglichkeiten und Grenzen von Freiwilligenarbeit erfahren: Ich werde immer die Obruni, die Weiße blieben, werde immer einen anderen Zugang zu den Kindern haben als die afrikanischen Kollegen- und nicht unbedingt einen besseren. Aber durch das Engagement von TANF in den Schulen wurde in Fidif das Caning, das Schlagen der Schüler, abgeschafft und verboten. In den ersten zwei Wochen wurde dort extrem viel geschlagen, die Stimmung war schlecht und die Kinder hatten viel Angst beim Lernen. Für die meist unausgebildeten Lehrer, die das als Schüler selbst nie anders erlebt haben, war caning immer die schnellste und einfachste Methode. Das war wirklich das Schlimmste und Grausamste, was ich während meiner Zeit hier in Afrika gesehen habe. Mittlerweile hat sich die Stimmung an der Schule aber komplett verändert.

Hand auf's Herz: Fünftklässler zum Gernhaben

Zum Abschied singen die Kinder nochmal  Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen. Obwohl Ghana eines der am besten gestellten afrikanischen Länder ist, sehe ich jeden Tag: Es ist viel zu tun. Überall arbeiten Kinder, die in der Schule sein dürfen sollten. Die Schulen sind chaotisch und der Unterricht nicht besonders sinnvoll. Ich weiß, dass ich mit meinem bisschen Unterricht hier keine Schule und schon gar kein Land verändern kann- deshalb bin ich ja auch nicht hier. Aber die kleinen Leute, die heute lesen lernen, können ihr Land irgendwann mal verändern.

One child, one teacher, one book, one pen can change the world. (Makala Yousafzai) 

Der Weg ist lang, aber es passiert was in Ghana, und das ist gut zu sehen: Montag hat die erste öffentlich High School in Ghana aufgemacht - einen höheren Schulabschluss zu erwerben wird langsam aber sicher auch für Kinder aus armen Verhältnissen möglich. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos, Hallo Kinder, jetzt geht’s los!

Ich habe gerne hier gearbeitet. Ich freue mich jetzt auch auf mein Referendariat in Köln- mit ganz anderen Herausforderungen. Unterrichten macht mir Spaß- wenig Buntstifte hin oder her, mit den herzlichen und lebensfrohen Kindern hier ist es wirklich eine große Freude.

Eat well, travel often

25Feb2014

Gestern ist Martin gut hier in Ghana angekommen und wir freuen uns sehr, uns wiederzusehen und jetzt Afrika gemeinsam erkunden zu dürfen.

Es ist interessant, durch ihn nochmal eine neue, "frische" Sichtweise auf Afrika zu bekommen und das Leben und den Alltag hier auch nochmal mit anderen Augen sehen zu können.

Martin hat schon so gut wie jedes Essen probiert, das angeboten wurde. Unser Trip nach Madina heute wurde zu einer kulinarischen Erkundungsreise. Ich beobachte bewundernd, wie er neugierig in sonnengetrocknete, knusprige  Fische beißt, als erstes afrikanisches Gericht ohne zu zögern Fufu mit scharfer Soße bestellt und begeistert einen Snack nach dem anderen- frische Kokosnuss, Ananassaft, Yams und Zuckerrohr- futtert. Am ersten Tag hat er schon einen beeindruckenden Teil der kulinarischen Highlights Ghanas probiert. Ich mag ja sehr gerne die frischen Früchte, Gemüse- und Reisgerichte, Wurzeln, Säfte oder Gebäcke hier- aber viele ghanaische Gerichte sind auch einfach sehr fleisch- oder fischlastig... Dass ich darauf verzichte bedeutet sicher auch dass ich einen gewissen Teil der (Ess-)Kultur hier verpasse (wobei mein Reis-Salat-Fried Plantain-Mittagessen großartig war und ich Martin nicht um den Fisch beneidet hab ;-)) 

Fufu und Ananassaft in Madina

In der Schule habe ich morgen schon meinen letzten Tag, die Arbeit hat mir Spaß gemacht. (Ich wollte Euch schon seit längerem vom Schulalltag hier berichten- das kommt noch...)

Jetzt freuen wir uns auf ein von Kwaku gekochtes Abendessen- Tomato Stew mit Reis- und planen ein bisschen unsere Zeit in Ghana und Kenia (wir haben die Flüge umgebucht und nochmal zwei Wochen in Kenia drangehängt).

Ich bin mittlerweile übrigens wieder topfit und bezweifle, dass ich überhaupt jemals Malaria hatte. Wenn man Kwaku den anderen krankenhauserfahrenen Afrikareisenden traut, ist "Malaria" immer die erste und einfachste Diagnose, Bluttests hin oder her. Wie dem auch sei- hauptsache wieder gesund.

Beste Grüße auch von Martin!

Vielleicht sind die gefährlichsten Aufenthaltsorte für einen Christen Sicherheit und Komfort (Shane Claiborne)

23Feb2014

Kontrolle aufgeben und Sicherheit finden zwischen Moskitos, Malaria und Skorpionen

There's no party like a tropical disease. Mit diesen Worten hat Gabriel seinen Typhus kommentiert, der ihm über Silvester fiebrige Schwindelanfälle beschehrt hat, während die Anderen im Nachtleben Nairobis das neue Jahr begrüßten. Vielleicht nimmt dieser Kommentar solche Krankheiten nicht ernst genug. Und natürlich wirkt dieser Kommentar wie Hohn in den Ohren jener vieler Menschen, die sich nicht mal eben versorgen lassen können, die kein Geld aufbringen können für einen Arzt und für die Typhus mehr ist als ein versautes Silvester.

Aber die eigene Krankheit mit Humor zu nehmen ist wohl eine gute Möglichkeit, um das Durchhaltevermögen aufrecht zu erhalten. 

Ich versuche mich also an die lockeren Worte meines Gastbruders zu erinnern, als mir die Krankenschwester in der Swan-Clinic (die edler klingt als sie ist!) eine Spritze gibt. Ich gebe zu, dass sich meine Malaria grade aber gar nicht wirklich witzig anfühlt.

Ich schlafe unter einem Moskitonetz und schlucke täglich schweineteure Malaria-Prävention. Vielleicht hätte ich mich doch öfter einsprühen sollen mit 40 prozentigem deet, einem Insektizit, das in der Nase beißt und auf der Haut brennt? Vielleicht hätte ich mal auf den Ratschlag in Mariahs Reiseführer hören sollen und lange Hosen, Shirts, Socken und ein Halstuch tragen sollen? (Und wer immer das geschrieben hat, war sehr wahrscheinlich noch nie hier! Wir haben 35 Grad und die Luft ist so schwül, dass man sie in Blöcke schneiden könnte!). Oder ich hätte mal auf den lustigen Verkäufer im Globetrotter in Köln gehört, der mit moskitoundurchlässigen, langärmligen Karohemden in verschiedenen Farben vor meiner Nase gewedelt hat. Oder auf einen Freund, der auf die Ankündigung meiner Reise hin ernst erklärt hat: Afrika ist ein gefährliches Land, und alles was ich leichtsinnig dachte war, dass es ist sogar ein ganzer gefährlicher Kontinent ist.

Malaria ist definitv kein weiteres cooles Reiseabenteuer, nichts worauf ich mich gefreut habe. (Den Riesenskorpion letztens hinter unserem Haus, der Mariah gefährlich nahe kam, zugegeben, den fanden wir ein bisschen cool. Gefährlich-cool.) Malaria ist eine andere Geschichte. Gefürchtet habe ich mich zwar nicht, und damit gerechnet habe ich auch irgendwie. Gehofft, drumrum zu kommen? Schon.

Mariah und ich hatten geplant, eine Freundin in der Stadt zu treffen. Mädelsabend: Kino und Pizza (so gut man das her umsetzen kann), vielleicht im Anschluss tanzen gehen. Das Wochenende genießen!

 

Die Moskitos haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin zum Glück frühzeitig ins Krankenhaus gefahren- als ich bloß ein bisschen Fieber und Gliederschmerzen hatte. Die Klinik ist düster (Stromausfall, mal wieder), der Putz blättert von den Wänden und aus dem Hahn im Bad kommt kein Wasser. Ich hab eine zerschlissene Patientenakte ausgestellt bekommen und da ich die einzige Patientin war, hat sich der alte, freundliche Dokor richtig viel Zeit genommen. We found some malaria parasites in your blood, lautete schließlich die Diagnose.

Nach einer Dreiviertelstunde konnte ich die Klinik wieder verlassen, läuft ja wie geschmiert hier. Ich bin 80 Ghana Cedi (ca 25 Euro) los, habe eine Spritze bekommen und einen Haufen Medikamente, die ich zu verschiedenen Zeiten nehmen soll (ich vermute, dass sie noch ihren Tagesumsatz machen mussten und mir deshalb noch Folsäure und Entwurmtabletten angedreht haben- so zur Sicherheit, ich wär ja schon ne Weile hier und mit dem ganzen afrikanischen Essen und dreckigen Wasser... Wie auch immer. Ich war zu k.o., um zu diskutieren. Und die 25 Euro wird meine Versicherung ohnehin zurückzahlen).

Ich bin rechtzeitig gekommen, es sind nur wenige Parasiten im Blut und mir geht's, Gott sei Dank, längst nicht so schlecht wie befürchtet. In ein paar Tagen bin ich wieder fit.

Afrikanische Fitmacher

Ich möchte auch gar kein großes Drama aus meiner Krankheit machen- wird schon wieder. Schnell mit den richtigen Medikamenten behandelt ist das nicht weiter schlimm. "That's Ghana for you", sagt Mariah liebevoll, die das Ganze schon hinter sich hat. "Kick it Nairobi style", schreibt Gabe mir aus Kenia. Ich weiß aber, dass wahrscheinlich im Umkreis von nur wenigen Kilometern andere Menschen fiebernd im Bett liegen- oder vielleicht sogar trotzdem kochen für die Kinder, den Hof fegen oder noch ein paar Tomaten verkaufen zu versuchen. Es gibt genug Menschen, die nicht mal eben in die Klinik fahren können mit einem Taxi, das etwa drei Euro kostet (das ist mehr, als einige jeden Tag zum Leben haben). Die nicht mal eben hinfahren können, geschweige denn die Behandlung bezahlen können. Die keine Versicherung haben, die über 25 Euro nur milde lächeln wird. Die mehr verpassen als einen Mädelsabend mit Kino, Popcorn, tanzen.

 

Afrika ist ein gefährlicher Ort? Malaria, Typhus, Mangofliegen (und wenn du nicht weißt, was Mangofliegen sind oder was sie mit ihren Eiern machen und du nicht besonders hart im Nehmen bist: lieber nicht googeln). Evil Black Buses of Doom, Townships, Slums. Und so weiter. Aber: Können all unsere Sorgen unser Leben auch nur um einen Tag verlängern? (vgl. Matthäus 6, 27). Und ich sehe erleichtert ein: Ich brauche mir gar nicht einbilden, dass es jemals in meiner Hand liegen würde (okay, diese Karohemden! Aber irgendwie bezweifel ich stark, dass die mich gerettet hätten). Ich verstehe beruhigt:

You're greater than my yesterdays, You hold me close today, You're the Lord of my tomorrows, my heart will always know: Your mercy saved me, your mercy made me whole. (Casting Crowns- Mercy)

Ich habe mein Leben selten sinnerfüllter empfunden als in den letzen Monaten, mich selten stärker behütet und getragen gefühlt. Wie Elisabeth und Ellen mir geschrieben haben: Afrika hinterlässt ein paar Schrammen am Bein, ein paar Narben an den Füßen, aber nicht an meiner Seele. Ich genese behütet und freue mich, dass Martin morgen schon hier sein wird und vier gemeinsame Wochen Afrika vor uns liegen. Ich freue mich auch, dann bald heimzukehren nach Europa zu Euch. Dabei geht's aber weniger um dem Entkommen vor Insekten und Tropenkrankheiten, weniger um verkehrssichere Autos mit ordentlicher Knautschzone statt Matatus, Tro-Tros und überbeladener Taxen. Weniger um heiße Badewannen mit duftendem Schaum statt Eimer-Duschen. Weniger um einen Job in Köln mit immer ausreichend Bleistiften und Bunstiften in hundert Farben, nicht in ghanaischen Townships oder kenianischen Slums mit Rasierklingen als Anspitzer-Ersatz. Schüler mit Schnupfen und nicht mit Krätze. Darum geht's nicht, freuen tu' ich mich trotzdem auch ein bisschen drauf.

Aber irgendwo stimmt das: Afrika ist ein gefährlicher Ort. Hat sich breit gemacht in meinem Herzen, will mich nicht mehr loslassen. Afrika geht nicht spurlos an mir vorüber. Ohne romantisieren zu wollen: mit rythmischer Trommelmusik, ausgelassenem Tanz. Mit Chapati und Dengu, mit frittierter Kochbanane und Kokosnuss. Mit hunderten strahlenden Augen, mit hunderten kleinen Händen, mit Karibu und Akwaaba (Willkommen), das immer so gemeint ist, mit brausenden Matatufahrten und atemberaubenden Spaziergängen. Oder nein, ich will keinen falschen Eindruck erwecken: Palmen sind auf Dauer nicht cooler als Tannenwälder, der Voltastausee nicht schöner als der Rhein und Mandazi schmecken nicht besser als mein Lieblingsfrühstücksbrötchen. Eine Ananas ist lecker, aber jetzt auch nicht besser als ein Apfel. (Flip Flops allerdings ziehe ich Winterstiefeln vor, und 12 Stunden Sonnenschein bevorzuge ich auch!)

Nein, Afrika hat mich inspiriert und hat sich breit gemacht in meinem Herzen vor allem mit Tanz, wenn einem danach ist, denn: when you feel like dancing, you have to dance. Mit tosendem Lobpreis, obwohl doch kaum genug Geld für das Abendessen da ist. Mit Menschen, die staunend und dankbar Kwa nini mimi? (Warum ich?) fragen, wenn ihnen etwas Gutes passiert und wenn sie sich gesegnet fühlen. Mit Menschlichkeit an Orten, über die wir sagen: Wie unmenschlich. Vielleicht mit Malaria und Typhus, aber niemals mit Stress oder Burn-out. Vielleicht mit kränkelndem Körper, aber mit wohlbehaltener Seele. Mit zerschrammten Knien, aber fröhlichem Herzen. Vielleicht mit fraglicher medizinischer Versorgung, aber niemals ohne echte Gemeinschaft. 

Medaase. Danke.

21Feb2014

Heute haben wir ein Waisenhaus in Akoti besucht und eine Menge Sachspenden vorbeigebracht. Endlich konnten wir die Kleidung aus eurem Paket verteilen, liebe Familie Kelch! Wir haben noch ein anderes Paket aus Schweden erwartet und die Sachen deshalb erst jetzt im Beky's Home vorbeigebracht (eure Stifte und Schreibwaren sind in bereits seit Wochen eifrig im Einsatz in unseren Schulen).

Zunächst dachten wir daran, die Kleider hier im Dorf zu verteilen, wo auch viele Kinder zerfledderte Klamotten tragen. Während die Eltern hier aber untereinander Kinderkleidung weitergeben können und innerhalb der Dorfgemeinschaft teilen, oder in der Regel ein paar Cedis für gebrauchte Kleidung haben, ist das Beky's Home in Akoti komplett auf Spenden angewiesen. Wir haben uns deshalb entschieden, ihnen eure Kleider zu geben. Wir hatten auch einige Nahrungsmittel dabei.

Nahrungsmittel und Kleidung- das Beky's Home ist auf Spenden angewiesen

Wir wurden dort sehr herzlich begrüßt und vom Heimleiter und einigen Kindern offiziell und feierlich empfangen, was mit ehrlich gesagt eher unangenehm war. Ein offizielles Übergabe-Foto musste wohl sein (ich überreiche symbolisch eine Dose Tomatenmark...) Unentschlossen

im Beky's Home zur offizellen Übergabe der Spenden

Zum Beky's Home gehören eine Schule, eine Fußball-Schule und eine Art Wohnheim (welches aus einem einzigen großen Raum besteht mit Turnmatten, die tagsüber an der Wand lehnen und nachts zum Schlafen genutzt werden und mit einem Schrankfach für jedes der vierzig Kinder im Alter von zwei bis vierzehn Jahren). Den Heimleiter habe ich als sehr warmherzig und freundlich erlebt, als sehr fürsorglich und umsorgend. Wir seien jederzeit herzlich Willkommen (und voraussichtlich werde ich nochmal vorbeischauen, bevor ich Ghana verlasse).

Die letztendliche Verteilung der Kleidungsstücke wollten wir den Mitarbeitern dort überlassen, in Ruhe. Ich hab' deshalb noch nicht gesehen, wie wunderbar die kleinen Mädels mit Euren Shirts aussehen. Ich hätte Euch zu gerne Fotos geschickt! Aber ich bin mir sicher: Eure Kleidung ist gut angekommen und wird wirklich gebraucht und lange getragen werden. Ich möchte einfach weitergeben, was der Heimleiter -mit Tränen in den Augen- gesagt hat, nachdem wir die Pakete aus dem Auto geladen haben:

God has heard our cry. Today, he has answered our prayer. Medaase.

das TANF-Team

Be soft. Do not let the world make you hard. Do not let the pain make you hate. Do not let the bitterness steal away your sweetness....

19Feb2014

... Take pride that even though the rest of the world may disagree- yous still believe it to be a beautiful place. (Kurt Vonnegut)

 

Ein gewöhnlicher Nachmittag in Teiman

 

„Auntie, Auntie, look at- oh!“, ruft Kofi schräg hinter mir.

„Auntie look at“, ist immer sehr vielversprechend. Die Jungs entdecken große Eidechsen unter Büschen und winzige Küken am Straßenrand. Sie wollen mir das Fahrrad von ihrem Freund zeigen, das aussieht wie ein normales, bisschen schrottiges Fahrrad, aber anscheinend irgendwas Cooles kann (hab nicht genau verstanden, was). Sie zeigen auf Flugzeuge am Himmel und rufen: „Auntie, look at, aeroplane! Is Madam Jennifer!“- sie sprechen von Jennifer, die letzte Woche abgereist ist. „Auntie, Auntie!“. Ich drehe mich um zu Kofi. Sein ganzes Gesicht strahlt begeistert, er zeigt auf einen Holztisch vor einer Hütte, die ein kleiner Shop ist. Auf dem Tisch liegen vier tote, steife Tiere. Ratten, ziemlich große Ratten? Ich komme ein Stück näher. Sehen ein bisschen aus wie Biber. „Is for cooking- oh“, erklärt Prince. Wir gehen weiter. Nur gut, dass der Begriff „vegeterian“ fast jedem Ghanaer ein Begriff ist.

Wir bringen die Jungs nach Hause. Sie sind nach der Schule gut zwei Kilometer aus dem Dorf bis in unsere Siedlung zu unserem Haus gelaufen. Wir haben Fußball gespielt, gemalt, getobt und wässrigen Kakao getrunken. Schürfwunden versorgt, Okpoti davon abgehalten unser Nachbarkind Elom zu verpügeln und Kwaku, an den Filzstiften zu nuckeln. Unser Wohnzimmer sieht jetzt renovierungsbedürftig aus. Bald wird es dunkel sein, und der Heimweg ist lang, deshalb bringen wir sie jeden Abend früh genug zurück (wenn's besonders chaotisch oder stressig war, beschließen wir auch mal eher, dass es wohl bald dunkel werden muss). Mal kommen sie zu dritt, mal zu siebt, mal nur die Großen, mal mit den Kleinen. Heute sind sie zu fünft, Jao, Okpoti, Prince, Kofi und Kwaku.

„Meine Biber haben Fieber oh die Armen“, fange ich an zu singen und denke noch an die toten Ratten-Biber auf dem Holztisch. Wir haben noch anderthalb Kilometer vor uns, uns die Chancen stehen gut dass die Jungs das ganze Lied bis zur Ankunft in Teiman drauf haben. Das Englischsprechen ist für sie eigentlich nichts anderes- Worte wiederholen, die sie kaum kennen. „will sich keiner denn der armen Tier' erbarmen... „ Klingt echt ziemlich überzeugend.

Kwaku, drei Jahre, ist vom Marsch hierher und vom Spielen ganz müde und auf meinem Rücken eingeschlafen, während wir laufen. Mittlerweile klappt das Tragen ganz gut, musste ich vor ein paar Wochen noch jedes Mädchen und jede Frau, die mir entgegenkam bitten, mir zu helfen das Tuch neu zu binden. Sie – manchmal zehnjährige, weise Mädchen, manchmal starke Mamas, manchmal zähe Omas mit coolen Sonnenbrillen, die im Schatten einer Palme entspannen - haben immer liebevoll lächelnd und ein bisschen stolz geholfen.

Jetzt lehnt Kwakus Köpfchen an meinem Rücken, Okpoti trödelt hinterher, Prince rennt vor und Jao schlägt Räder mitten auf der Straße. Nur alle paar Minuten kommt hier ein Tro-Tro oder ein Wassertanker laut hupend vorbeigebrettert. Hinter uns geht die Sonne langsam unter, verschwindet bald matt orange leuchtend hinter den Hügeln und Häusern. Jaos ganzer Körper ist voller Energie und Freude. Drei, vier, fünf, sechs, sieben Räder ohne Pause. Er rennt mitten auf der Straße weiter, sein weites Shirt flattert, er steckt es rennend und lachend in die Hose und macht mehr Radschläge, fünf, sechs, sieben, acht. Ich höre Okpotis Flipflops über den Asphalt schlurfen, ich höre Jaos Lachen und das Meckern der Ziegen, die im Müll am Straßenrand wühlen. Prince, zehn Jahre alt, klettert auf Mariahs Rücken und lässt sich lachend tragen. Er knabbert Erdnüsse und steckt Mariah jetzt kichernd und mit siffigen Fingern Erdnüsse in den Mund.

Das ist so ein Moment, den ich gerne festhalten würde, aber kein Foto, kein Film könnte das alles einfangen: Die große Sonne, die sich verabschiedet, die fröhlichen, tobenden Jungs, die freundlich-grüßenden Menschen, die jungen Männer die auf der Ladefläche des Pick-ups, der an uns vorbeisaust, stehen und winken. Schmuddelige, flatternde Shirts. Die rennenden Kinder in den Siedlungen rechts und links.

Die Leute, denen wir begegnen grüßen uns. Freude steckt an.

Wir kommen an kleinen Bretterbuden vorbei, Shops, in denen Gemüse, Tüten voller Mehl, Flaschen voller Öl, Seifen und kleine Kekspackungen verkauft werden. An der Hauptstraße zwischen unserer Siedlung und dem Dorf Teiman reihen sich vereinzelt Friseurläden, vor denen Frauen auf Plastikstühlen sitzen und die Haare gemacht bekommen, Werkstätten, vor denen Fensterrahmen geschweißt und Betten geschreinert werden, Blech- und Holzhütten mit kleinen Vordächern, unter denen Frauen vor alten Nähmaschinen sitzen und Kleider schneidern. Da sind Höfe, auf denen Fußball gespielt wird, und da sind Bretterbuden, Bars, in denen Fußball geschaut wird: Auf kleinen Fernsehern werden Spiele der deutschen und englischen Ligen übertragen (wenn ich den Leuten hier sage, dass ich aus der Nähe von Dortmund komme, wissen sie Bescheid). Da sind Kirchen- oft nicht mehr als Plastikstühle unter einem großen Blechdach, wo Gottesdienste stattfinden. Wir kommen am water supply vorbei, einer öffentlichen Wasserstelle, wo man aus einem großen Hahn Wasser abfüllen kann. Mädchen aus meiner vierten Klasse kommen uns entgegen mit Zehnlitereimern auf den Köpfen. Die Kinder, die uns kennen, grüßen uns beim Namen Madam Lena (klingt mehr wie Madam Liiiiiiiinaaa), Madam Mariah, Auntie Lena, Auntie Mariah, und für Kwabena, einen Freund aus dem Dorf, bin ich Abena, das ist der Name auf Twi für alle Frauen, die an einem Dienstag geboren sind (Dienstags-Jungs heißen, wie er, Kwabena). Kinder, die uns nicht kennen, rufen Obruni, Weiße, wenn wir uns nähern und Obruni Bye-bye wenn wir uns entfernen.

Eine Frau ruft uns jetzt meckernd hinterher: Prince könne ja wohl selbst laufen, so groß wie er sei. Stimmt. Aber er genießt es gerade so, und er, der sonst selbst so viel tragen und arbeiten muss, der sonst so viel Gewicht auf seinen Schultern hat, soll auch mal merken, dass es jemanden gibt, der ihn durchs Leben trägt. Er umarmt Mariah, die ihn weiter Huckepack trägt, schließt die Augen und lächelt sein schönstes Lächeln.

Ich fühle mich wohl hier in diesem Dorf, wo wir uns grüßen, wo wir barfüßige Kinder in zerschlissenen Jeans nach Hause bringen, wo es niemals Uhrzeiten gibt, nur morning, afternoon und evening. Wo das Abwassersystem eine Rinne am Straßenrand ist und alle paar Tage der Strom ausfällt. Wo es zu viel Malaria, HIV und Typhus gibt und zu wenig Medizin. Harte Arbeit und harten Alltag, aber viel Gemeinschaft. Wo die Menschen trotz viel Bitterkeit die Süße schmecken, wo der harte Alltag ihre Herzen trotzdem weich bleiben lässt. Wo so viel Grund zur Klage ist, und ich doch meistens nur Lachen höre.

Wenn wir gleich die Kinder ins Dorf gebracht haben, werden sie im Halbdunkel noch eine Runde Fußball spielen und über das Torverhältnis streiten. Ich werde den schlafenden Kwaku im Ein-Zimmer-Haus seiner Familie auf den Boden legen, damit er weiter schlummern kann. Wir werden vielleicht noch fried plantain an einem der Stände kaufen, frittierte Kochbanane. Wir werden dem wahrscheinlich schnuckeligsten Kokosnussverkäufer Ghanas beim Zusammenpacken zusehen, und uns fragen, ob er wohl allein durch das Kokosnusshacken mit der Machete so einen beeindruckenden Oberkörper bekommen hat? Wir werden dann die zwei Kilometer zurücklaufen, durch die abendliche Schwüle und Schwärme von Motten und Mücken um die wenigen Lichter auf dem Weg. Wir werden quatschen und schweigen, und wenn ein Tro-Tro kommt, werden wir es anhalten und uns noch ein Stück mitnehmen lassen. Vielleicht ist auch noch ein Wassertanker unterwegs, der uns auf der Ladefläche mitfahren lässt. Im Haus ist es dann still, das fühlt sich komisch an, aber auch gut. Morgen ist ein neuer Tag, und ich genieße jeden weiteren, den ich hier sein darf.

Gute Nacht aus Ghana!

 

 

 

Pathfinders: Als Gastautor auf thebarefootbeat.com

17Feb2014

Ich freue mich sehr, dass Mariah die englische Version meines Textes vom 20. Januar ("Coming Alive") auf ihrem gut besuchten Blog TheBarefootBeat veröffentlicht:

www.thebarefootbeat.com/2014/02/17/alive-in-africa

 

Beste Grüße aus Ghana!

"By the big tree"

13Feb2014

Eine schöne Beschreibung unseres Alltags hier findet ihr auf Mariahs Blog:

http://www.thebarefootbeat.com/2014/02/12/by-the-big-tree/ 

Viel Spaß beim Lesen und beste Grüße!

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen

11Feb2014

Dass dieses afrikanische Sprichwort hier wirklich umgesetzt wird, durfte ich in den letzten Wochen und Monaten erleben. Hier fühlt sich wirklich jeder für den Anderen und für die Kindern des Anderen verantwortlich. Die Türen sind offen- die Kinder gehen überall ein und aus, als seien sie überall gleich zu Hause. Jeder hat hier scheinbar das gleiche Recht, ein Kind zu erziehen, auch mit ihm zu schimpfen. Niemand kommt zum Nachbarn und beschwert sich: Dein Kind hat dies oder jenes gemacht, bitte tu was und mecker ne Runde mit ihm. Man meckert gleich selbst. Problem gelöst. Schon "große" Geschwister übernehmen viel Verantwortung. Die Zweitklässler tragen ihre kleinen Geschwister auf dem Rücken gebunden morgens zur Schule. Wenn jemand weint, kümmern sich oftmals nicht die Lehrer darum, sondern ältere Kinder. Sie passen gegenseitig aufeinander auf.

Es ist schön, an einem Ort zu leben, wo so viele Kinder sind. Irgendwo wird immer gelacht und getobt. Unsere Nachbarkinder Elom, Elokem, Elom und Kekele sind die Größten! Wenn sie am Nachmittag aus der Schule zurück sind und ihren Mittagsschlaf hinter sich haben, kommen sie in unser Wohnzimmer gestürmt- ready for some action. Wir geben unser bestes, coole Aunties zu sein. Unsere große Matratze im Wohnzimmer ist der beste Ort zum Toben, Knuddeln und Auskitzeln, und die Jungs lassen sich gerne von uns herumtragen oder etwas vorlesen.

Heute Abend haben wir zusätzlich drei Geschwisterjungs aus dem Dorf zu Besuch. Bei denen ist es zu Hause öfter mal sehr chaotisch (das sind die Kinder, von denen ich schonmal erzählt habe... die Troublemaker Prince, Okpoti und Kwaku, die seit kurzem endlich zur Schule gehen können) und deshalb bleiben sie heute Nacht hier bei uns. Wird sicher nicht besonders erholsam, aber immerhin ist hier Action in der Bude! :-)

Jennifer, Lena, Mariah und Samahr mit Elom und Elom

Aunite Samahr und Elom Auntie Lena und der andere Elom Elokem, der kleine Nerdunsere große Matratze im Wohnzimmer ist der beste Spielplatz

Beste Grüße an Euch, genießt den Abend!

(photo credit: Jennifer Addae und Mariah Friend)

I go to nature to be soothed an healed, and to have my senses put in tune once more. (John Burroughs)

09Feb2014

Wieder ist eine Woche in Ghana rum, schnell und erlebnisreich vergeht die Zeit hier. Bin ich wirklich schon fast zwei Monate hier- und soll ich wirklich schon in fünf Wochen nach Europa zurück?!

In der Schule läuft es super - später mehr!- und am Wochenende waren wir in der Umgebung unseres Dorfes wandern und sind zur Langune in die Volta- Region gefahren.

Selbst diese einfache Wanderung am Samstag war wunderschön. Zu dritt laufen wir einfach los, immer der Nase lang... wir kommen an Mango- und Cassavaplantagen vorbei und an vereinzelten Häusern und Hütten außerhalb der Dörfer und dank eines freundlichen Cassavabauern entdecken wir dann sogar eine Bambusfarm, die damals von den Sklaven angelegt wurde. Irgendwo in den Hügeln hinter Teiman stehen wir dann plötzlich mitten auf einer kleine Geflügelfarm. Die Arbeiter sind erst etwas verwundert, uns dort zu sehen, aber sie sind sehr einladend und zeigen uns die Farm. Israel, dem der Hof gehört, hat sich dann sogar Zeit genommen, uns zu einer alten Schlossruine zu führen. Nur noch ein paar alte Mauerreste sind übrig von einem Gebäude, das die Dänen um 1800 für den Sklavenhandel errichtet haben (Teiman liegt auf einer alten Sklavenhandelsroute). Mittlerweile hat die Natur alles zurückerobert- selbst den Weg dorthin musste Israel mit einem Buschmesser freischlagen. Israel war früher Immobilienmakler in Accra- hat sich dann aber gegen das hektische Großtstadtleben entschieden und die Farm aufgebaut. Und wirklich, es ist sehr ruhig und friedlich dort. Er verabschiedet uns schließlich und betont, dass wir jederzeit herzlich willkommen sind.

Hier, am Berg über Teiman, stand mal kleines Schloss: Lena, Israel, Mariah (phot credit Emilotte Persson

Ein einfacher Spaziergang hat uns zu interessanten Menschen und Orten geführt- direkt vor unserer Haustür...

Sonntag dann sind wir alle zusammen nach Ada Foah gefahren. Das liegt in der Voltaregion, also östlich von Accra. Hier trifft der Fluss aus dem Voltasee auf den Atlantik. Mit Booten gelangt man zu einem Strand, der wie eine kleine Halbinsel ist: Auf der einen Seite liegt der ruhige, breite Fluss, auf der anderen Seite der lebhafte Ozean. Ein Tag am Strand tut immer gut, wir haben viel gelacht und erzählt.

Reis, Banku und Albernheiten zum Mittagessen: Yves und Kwaku

Der Ort ist wirklich paradiesisch...! Auch die frische Luft ist angenehm. In Accra und selbst in Teiman ist es immer sehr staubig, zudem verbrennt ständig irgendwo jemand seinen Müll, und das Abwassersystem ist eine Rinne am Bordstein... Hier am Strand aber riechen wir nur das Meer und die Palmenwälder am Flussufer.

Samahr, Jen, Lena, Emilotte (photocredit Jennifer Addae) Rückfahrt nach einem Tag am Strand, mit Samahr (photo credit Jennifer Addae)

die große afrikanische Sonne geht unter über der Lagune Ghana, offensichtlich, ist nicht sehr sanft zu meinen Knien. (photo credit Jennifer Addae)

Rückreise (photo credit Laud Kwaku Akuffo)

Abends fahren wir in der Dämmerung mit einem Boot zurück und mit Motorbikes weiter ins Landesinnere. Diese Fahrt rundet den Tag wirklich perfekt ab und entschädigt für die unbequeme Fahrt im TroTro zurück nach Accra. Hier wartet eine neue Woche mit viel Arbeit auf uns- ich freue mich drauf und erzähle Euch bald mehr aus dem Schulalltag hier! 

mit Motorbikes geht's weiter.... (pho credit Jennifer Addae)

Bis bald!

Apfelbäume pflanzen in Nairobi

04Feb2014

Unsere Strategie sollte es nicht nur sein, das System zu konfrontieren, sondern es zu belagern. Ihm den Sauerstoff zu entziehen. Mit unserer Kunst, unsrer Musik, unserer Literatur, unserer Hartnäckigkeit und unserer Eigensinnigkeit, unserer Freude, unserer Großartigkeit , unserer bloßen Unnachgiebigkeit– und unserer Fähigkeit unsere eigenen Geschichten zu erzählen. Geschichten, die anders sind als die jener, deren Gehirne gewaschen wurden um dem System zu glauben. (Arundhati Roy, Übers. durch den Verfasser).

Eine meiner Lieblingsautorinnen, Arundhati Roy, hat das mal gesagt, und mich damit inspiriert, mit mehr Ausdauer, mehr Kunst, mehr Freunde und Cleverness versuchen durchs Leben zu gehen, mehr Geschichten zu hören und zu erzählen.

Ich möchte Euch deshalb in diesem Zusammenhang von dem Projekt Visit a Patient berichten, dass Kacey und Lilian in einem Krankenhaus in Nairobi auf die Beine gestellt haben. Ich durfte im Projekt mitarbeiten und möchte die eindrucksvollen Erlebnisse mit Euch teilen. Ich bewundere den Einsatz von Kacey und Lilian wirklich sehr: Zusammen mit anderen Freiwilligen kümmern sie sich um Langzeitpatienten, die keine Familienangehörigen mehr haben. Das sind vor allem verwaiste oder verlassene Kinder, aber auch einige verlassene ältere Menschen. Kacey, Lilian und die anderen gehen spazieren mit einer tadderigen alten Dame, die niemand sonst besuchen kommt, von der keiner weiß was genau sie hat und über welche die anderen Patienten flüstern: Sie ist von bösen Geistern besessen. Sie spielen Tischtennis im Hof der Cafeteria mit Jungs in zerfledderten, hellgrünen Krankenhauspyjamas und sie lernen Englisch und Rechnen mit ihnen. Sie schieben Patienten im Rollstuhl umher, von denen keiner weiß, ob sie überhaupt etwas mitbekommen oder die anfangen, auf Kiswahili zu schimpfen und die den Kuchen, den Kacey in der Cafeteria kauft, durch die Gegend spucken. Sie wechseln die Milch in den Fläschchen für die Babies und füttern sie. Unermüdlich, unnachgiebig. Weil Shosho, die tadderige Dame, am frühen Abend dann doch irgendwann lächelt. Weil der Mann im Rollstuhl, der schimpft und den Kuchen ausspuckt, alle paar Tage den Kuchen dann doch aufisst (ziemlich schnell). Weil sonst niemand mit Shosho spazieren geht, weil sonst niemand mit den Jungs im Hof tobt und weil sonst niemand die Milch wechselt und die Babies stattdessen mit verdorbener Milch gefüttert werden.

Kenyatta Hospital ist ein großes Krankenhaus mit vielen Stockwerken, ein alter Bau mit vielen Zimmern, zu wenig Zimmer für die vielen rostigen Betten mit durchgelegenen Matratzen und zu wenig Betten für die vielen Patienten. Viele Ärzte und Schwestern treffen wir nicht an in diesen Zimmern (aber die, die wir treffen, sind – wie alle Kenianer, die wir bisher kennengelernt haben- herzlich und nett). Die Zimmer sind voll, manchmal liegen Patienten im Flur auf dem Boden. Fast alle Patienten hier sind extrem krank. Patienten im Krankenhaus sind immer krank, das weiß ich, aber ins Kenyatta Hospital gehen viele Menschen erst dann, wenn es ohne medizinische Versorgung nicht mehr geht. Man geht nicht, wenn der Krebs entdeckt wird, sondern wenn er den Körper zerfressen hat. Man geht nicht, wenn man ein gebrochenens Bein hat, sondern wenn es einfach nicht zusammenwachsen will und schlimm entzündet ist.

Dass ich dort im Krankenhaus war, ist jetzt schon einige Wochen her, und erst jetzt kann ich die Eindrücke irgendwie ordnen. Ich möchte nicht verpassen, die Geschichten zu erzählen.Vielleicht ist das eine der Geschichten, die Arundhati Roy meint. Ich möchte Euch auch Christopher vorstellen, ich möchte, dass ihn jemand kennt.

Wir besuchen Kleinkinder, die Tumore und Infusionsnadeln in den kleinen Köpfchen haben, wie Lizzy. Ich bin ja keine Expertin, aber wahrscheinlich sollte Lizzy, erst ein paar Wochen alt und mit einem schrecklich großen Tumor im Kopf, jetzt nicht unbedingt mit uns in Kontakt kommen. Sie sind so winzig und ich doch bestimmt voller fremder Keime. Ich äußere meine Bedenken Kacey gegenüber. She has to be in intensive care anyways, sagt er. Ihr Atem ist pfeifend. But there's no way this is going to happen. We really hope she makes it. But chances aren't great that she survives her disease in this environment. I can't change the environment, I can't save her. I can only try to make her day and I can love her today. If we don't feed her, no one will. If we don't rock her, no one does.

Ich weiß fast nicht, wo ich zuerst hinschauen soll, und wo ich am Liebsten zuerst wegschauen würde. Die Kittel, die gewaschen werden müssten, der Flur, der mal wieder gefegt werden könnte, die Krankenhauseinfahrt, die so voller Schlaglöcher (Krater?) ist, dass ich mich frage, wie dort im Notfall ein Krankenwagen schnell und sicher herfahren soll. Dann fällt mir auf, dass ich noch nie einen Krankenwagen gesehen habe hier. Ich brauche zwischendurch mal kurz einen Moment zum Durchatmen und frage mich zum Bad durch. Es gibt nicht mal Seife auf der Toilette.

Später lerne ich Christopher kennen. Er ist elf Jahre alt und die letzten zwei von diesen elf Jahren hat er hier im Krankenhaus verbracht. Zwei Jahre sind lang, vor allem wenn man elf ist, und vor allem wenn man sie in diesem Krankenhaus verbringt, denke ich, als ich ihn treffe. Aber vielleicht sind zwei Jahre in Kibera, Nairobis größtem Slum, auch lang. Dass er schon so lang hier ist, erkenne ich nur daran, dass er sich wie selbstverständlich durch die Gänge und Höfe bewegt, und dass die Ärzte und Schwestern ihn grüßen. Das ist seine Nachbarschaft hier, sein Zuhause. Chris hat ein Bett mit einer alten Matratze in einem der vollen Zimmer bekommen, neben seinen Freunden Mark und Josh, die auch schon eine Weile hier sind. Chris hat keine Eltern, Kacey glaubt, dass sie verstorben sind. Das passiert in Kibera und überall. Seine übrigen Verwandten haben ihn ebenfalls verlassen, weil sie nicht für seine Behandlung und Therapie zahlen können. Auch das passiert in Kibera. Selbst wenn Chris entlassen werden könnte - er kann nirgendwo anders hin als auf die Straße, niemand kommt ihn besuchen, niemand käme ihn abholen. Christopher hat Krebs, mit besseren und schlechteren Zeiten. Im Moment ist eine bessere Zeit und er ist er ziemlich fit. Er spielt jeden Tag Tischtennis im Hof des Krankenhauses, und er ist richtig gut darin. Chris hat viel Zeit zum Üben und im Moment zum Glück viel Energie, er hüpft, tobt und jubelt viel zur Zeit, er lernt seine Englischvokabeln und liest in Schulbüchern. Eine richtige Schule hat er natürlich nie besucht, er hat Englisch und Lesen erst hier gelernt und im Krankenhaus findet sich immer jemand, der sich Zeit nimmt für ihn. Nicht die Ärzte, nicht die Schwestern, die sind unterbesetzt und schaffen es kaum, auch nur das Nötigste zu behandeln. Keiner weiß, ob Christopher die englischen Wörter mal brauchen wird. Ob er jemals lesen können muss. Keiner weiß, ob ihn jemals jemand abholen muss aus dem Kenyatta Hospital, indem die Zimmer voll sind mit Geschichten wie seiner. Aber das ist nicht wichtig. Wir können nur heute lieben, hat Kacey gesagt. Martin Luther hat gesagt:  „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ 

Ich finde all das schrecklich. Ich bin auch erst ein paar kurze Wochen in Afrika, habe noch nicht auf Mfangano gewohnt ohne fließend Wasser und habe noch nicht die Wohnungen unserer Schüler in Mowlem gesehen. Ich hab noch nicht die tiefe Schürfwunde einer Schülerin mit Klopapier und Tesafilm verbunden. Ich hab noch nicht den Jungs aus der Siebten Kleingeld in die Hand gedrückt, damit sie im Shop um die Ecke eine Rasierklinge kaufen können, und ich hab dann damit noch nicht den drei Centimeter langen, sehr dicken und seit Wochen eingewachsenen Dornen aus dem Fuß einer vierjährigen Schülerin geschnitten- auf dem Lehrerpult, zwischen Mathe-und Englischunterricht. Ich finde es schrecklich im Kenyatta Hospital und zeige das nicht, weil Chris das irgendwie überhaupt nicht so ausstrahlt. Da ist keine Trauer und keine Klage in seinem Blick, keine Suche nach Mitleid. Da ist zwischen den Hüpfern um die Tischtennisplatte manchmal ein kleines Zucken im Gesicht, wenn er ungünstig aufkommt mit dem Bein, das so ein Schraubgestell drumherum hat.

„Hat, cat, fat“, übt er die neuen Vokabeln, schaut mich fragend an, ob er wohl alles richtig ausgesprochen hat. Ich versuche die Welt aus seinen Augen zu sehen, und das ist schwer. Aber ich sehe Kacey, der mit ihm beim Tischtennis lacht und sich mit ihm freut, wenn er gewinnt, der ihn aber niemals extra gewinnen lässt. Ich seh', dass er heute Kraft hat zum Spielen, und dass Joshua zwar heute nicht mitspielen kann, weil irgendwas schlimm geschwollen ist hier seinem Auge, aber morgen vielleicht wieder, morgen ist er bestimmt wieder dabei. Ich seh' dass die Schwester die Hand hinhält, sodass er einschlagen kann, und dass sie mit ihm lacht, so richtig lacht, nicht einfach nur ein bisschen höflich lächelt. Ich seh', dass jeden Tag jemand kommt, der mit ihm spielt und lernt. Dass sich immer irgendwer kümmert, dass irgendwie für ihn gesorgt ist. Ich seh', dass die Gefahren hier im Kenyatta Hospital vielleicht einfach andere sind als in Kibera und dass das hier vielleicht nicht das schlechteste Zuhause ist.

Er hüpft vor mir den Gang entlang, schlittert mit seinen ausgelatschten Flipflops über den Boden. Wir sind auf dem Weg zurück in sein Zimmer. Aus dem Hof kann man Gesang hören, der Krankenhauschor probt grade. Patienten, Ärzte, Schwestern und Besucher treffen sich da und singen Hallelujah und Blessed be your name. Sie lachen. Blessed be Your name, when the sun's shining down on me, when the world's all as it should be. Blessed be your name when the road's marked with suffering, when there's pain in the offering. Sie genießen den Moment in vollen Zügen. Hier, wo so wenig Morgen ist, wird das Heute so groß geschrieben. Sie lachen, als wären wir nicht im Kenyatta Hospital, wo Babies sterben, die man vor die Eingangstür gelegt hat und die nie jemand besuchen kommt; sie lachen als wären wir nicht in einer Welt, die Menschen dazu bringt, Kinder wie Christopher zu verlassen. Als würden wir nicht Umstände schaffen, die Familien dazu zwingen, sein Lächeln zu vergessen und ihn allein zu lassen. Sie singen und loben aus ganzem Herzen. Das ist die Freude glaube ich, die Arundhati Roy meint. Christopher hüpft den Flur entlang, lässt die Aufzüge links liegen, öffnet die Tür zum Treppenhaus und dreht sich kurz um zu mir: „Twende, stairs“, erklärt er mit einem großartigen, ganz natürlichen Lächeln, „elevator is when you are sick“.

Mehr Infos zum Projekt im Kenyatta Hospital findet Ihr unter: www.visit-a-patient.webs.com

Forget not that the earth delights to feel your bare feet and the winds long to play with your hair (Khalil Gibran)

02Feb2014

Ausflug zu den Wasserfällen

nicht grade rauschend zur Zeit, aber trotzdem schön: Boti Falls Ghana

Heute haben wir - die Mädels, die zur Zeit bei TANF arbeiten, die Boti Waterfalls etwas außerhalb von Accra besucht. Im Moment fließt da nur wenig Wasser, weil Trockenzeit ist. So konnten wir aber darunter duschen!

Mariah, Jennifer, Lena: diese Dusche kann nur getoppt werden vom Baden im Bach mit Anja auf Mfangano

Der Ort wirkt magisch- fast wie eine andere Welt, nur ein paar hundert Meter tief im Dschungel, es ist ganz ruhig und friedlich dort. Wir waren die Einzigen weit und breit und hatten einen sehr schönen und entspannten Nachmittag, den wir mit baden, lesen, schreiben & guten Gesprächen verbracht haben (und, offensichtlich, mit ein paar albernen Selbstauslöser-Experimenten). Es tat gut, richtig in der Natur zu sein und ich freue mich auch, dass wir uns alle so toll verstehen!

Jennifer

Morgen starten wir dann in eine neue Schulwoche und wollen auch endlich die Kleider, die Sarah aus Deutschland geschickt hat, an die Familien verteilen. 

Beste Grüße!

Maybe there's a direct correlation between the level of happiness in one's life and the amount of silliness they allow into it.

01Feb2014

...ausprobieren kann man das ja zumindest mal ;-)

Fröhliche Wochenendgrüße aus Ghana!

Wir verbringen die Tage zu Hause, treffen Freunde aus dem Dorf zum Mittagessen, spielen mit den ständig kichernden und energiegeladenen Nachbarskindern ("Auntie will you come play now?!") und morgen wird gemeinsam gewandert.

Ich hoffe Euch geht's auch gut zu Hause. Vielen Dank für Eure vielen lieben und ermutigenden Kommentare und Mails.

Gute Geburtstagsparty, Papa, und liebe Grüße an alle Gäste! 

 

Let's be silly today. Mit Samahr, Jennifer & Elom

Auf dem Foto seht ihr meine Gastschwestern Samahr (aus Australien) und Jennifer (aus Belgien) und unseren Nachbarjungen Elom, der heute vier wird. Im Hintergrund unser Haus und links mein Fahrrad ;-)

Poverty is not an accident. Like slavery and apartheid, it can be removed by the actions of human beings. (Nelson Mandela)

27Jan2014

Zuckerrohr kauen in Kayole, Nairobi Kenya. Phot Credit: Anja Lüthi

Doing small Things with great Love

27Jan2014

Heute war ein riesengroßes Paket für uns bei der Post! Voll mit Kinderklamotten und Schulmaterial und einer Karte mit den besten Grüßen aus Deutschland. 

Sarah schrieb mir vor ein paar Wochen, wie gerührt sie sei von meinen Texten und Bildern, von unserer Arbeit hier, und dass sie und ihre Familie gerne etwas beitragen würden. Da haben sie einfach ohne zu Zögern ein Paket gepackt und es hergeschickt.

Jetzt sitz ich sprachlos hier. Vor diesem großen, liebevoll gepackten Paket, vor Eurer Liebe und Hilfsbereitschaft. 

Ich kann es nicht erwarten, die Bilder zu sehen, die die Kinder mit den Stiften malen, die Geschichten zu hören, die dahinter stecken. Ich kann es nicht erwarten zu sehen, wie sie Sarahs und Julias Kindershirts tragen!

Im Moment passiert hier so viel Gutes. Letzte Woche konnten - dank Spenden - fünf Kinder aus unserem Dorf zum ersten Mal zur Schule gehen, einige von ihnen sind bereits zehn Jahre alt. Wir unterrichten sie separat auf dem Boden hinter der Schule (weil die Klassenräume voll sind). Sie haben noch nie einen Stift gehalten, haben nie gelernt sich in der Schule zu benehmen. Bis letzte Woche sind sie als "troublemaker" im Dorf herumgestromert, und wenn irgendwo jemand wütend gebrüllt hat, konnte man sich fast sicher sein, dass einer dieser Jungs die Ursache war... Da liegt so viel Zauber im ersten selbstgemalten Bild, im Namen-schreiben zum ersten Mal, in Godsways strahlendem, stolzen Gesicht. Der Unterricht mit den fünf Kindern ist anstrengend und nervenaufreibend und wunderschön. Das sind gute Momente im harten ghanaischen Schulalltag, mit dem wir Volunteers alle unsere Schwierigkeiten haben. Unser eigener Unterricht (der natürlich auch irgendwie chaotisch ist und den wir im Nachhinein selbst oft nur mit einem seufzenden "oh well..." kommentieren können)  macht trotz aller Anstrengung Spaß, aber die anderen Lehrer zu beobachten, die erstens überhaupt gar keine Ahnung von Didaktik, Methodik, Pädagogik und manchmal nicht mal von ihrem eigenen Unterrichtsfach haben, und die zweitens die Kinder nicht selten schlagen, ist manchmal fast unerträglich. Aber es ist nicht unsere Kultur hier, und große Veränderungen brauchen viel Zeit. Auch macht es keinen Sinn, einfach die Arbeit der lokalen Lehrer zu übernehmen. Wir arbeiten allen vielen Ecken und Enden auch mit der Schulleitung und den Lehrern, wenngleich es letztlich das Ziel von TANF ist, eine eigene Schule aufzubauen, die alle Kinder kostenlos besuchen können und wo sie guten Unterricht erhalten. Andererseits wollen wir natürlich auch irgendwie die Bildung in den Schulen verbessern, die es bereits gibt... 

Es ist wirklich spannend, hier dabei sein zu dürfen und so involviert zu sein und zusätzlich Eure Unterstützung aus der Heimat zu spüren!

Danke Euch allen und ein riesengroßes Dankeschön vom ganzen TANF-Team heute besonders an Sarah, Julia, Andrea und Uli!

(Fotos folgen!)

 

Don’t ask what the world needs. Ask what makes you come alive, and go do it. Because what the world needs is people who have come alive. (Howard Thurman)

20Jan2014

Ich sitze auf einem Felsen auf dem kleinen Berg hinter Teiman, dem Ort, wo ich zur Zeit wohne, und gucke seit Minuten Richtung Horizont. Es ist immer etwas diesig und staubig hier in Accra, der Himmel immer etwas trüb. Ich kann nicht erkennen, wo genau in der Ferne der Horizont ist, wo die Erde aufhört und der Himmel anfängt. Die Sonne brennt heute wieder, ein Schweißtropfen kitzelt mich am Arm. Irgendwo singt ein Vogel, irgendwo da links im Urwald. 

Ich will nirgendwo anders sein grade.

Es ist still hier oben und wir haben fast zwei Stunden gebraucht um aus dem Dorf hier her zu wandern, ein staubiger Weg, rostroter, trockener Staub. Die Wanderung war anstrengend in der Hitze, ich fühle mich ein bisschen schwach, und gleichzeitig so ewig lebendig. Jakobswegsgefühle.

Am Nachmittag, auf dem Weg zurück durchs Dorf, treffen wir spielende Kinder. Ebenezer und Emanuela fahren mit einem BMX- Fahrrad umher, andere Kinder kicken eine leere Kokosnuss durch den Staub. Zwei Mädchen liegen unter einem Baum im Schatten und kichern, andere stromern scheinbar ziellos umher. Das Dorf ist weitläufig hier Richtung Norden, die Straßen sind breit und gewohnt unbefestigt, die Häuser stehen etwas vereinzelter als tiefer im Ortskern. Emanuela tritt in die Pedale, Ebenezer hält sich an ihren Schultern fest. Mit einem Tempo, das wir unseren Kindern allenfalls mit Helm, aber garantiert nicht mit einem fünfjährigen Jungen auf den Dornen des Hinterrads stehend erlauben, preschen die zwei Freunde durch den Staub, fahren die Straße noch dutzende Male auf und ab an diesem Nachmittag. Ohne ein Ziel zu haben als dieses Stück Straße selbst, ohne irgendwo hingelangen zu wollen, ohne mehr erreichen zu wollen als die brausende Fahrt selbst. Ich kann ihre Freude spüren, ihr Lachen trägt ihre Freiheit dieses Augenblicks zu uns, als wir die Straße entlanglaufen. 

Emanuela und Ebenezer

Ein völlig sinnloser Tag? Berg raufklettern, Horizont suchen, runterklettern, Kindern beim Spielen zugucken, nach Hause gehen. Ich bin verwirrt, als ich tiefe Zufriedenheit spüre, hatte ich doch letztens noch gesagt, dass gerade die Sinnhaftigkeit der Arbeit hier mich so ausfüllt. Ich frage mich, ob ich mich schuldig fühlen muss, habe ich heute doch scheinbar nichts zustande gebracht. Als ich merke, dass das einer dieser verrückten und altbekannten Gedanken ist, der so typisch für unsere Gesellschaft ist, schiebe ich ihn weg und genieße. So gut, wichtig und erfüllend die Arbeit für Andere ist - da ist auch Glück in der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens, im Berg-Hinaufklettern, im Sterne-Gucken, im Von-den-Klippen-vor-Mombasa-Springen, im Pfannekuchen-Perfektionieren in unserer WG-Küche. Im wochenlangen Wandern auf dem Jakobsweg, angekommen in Santiago feststellend, dass das Ziel unserer Reise jeder Schritt und jeder Tag selbst und nicht diese Stadt am Ende war. Im Kekse-Suchen im Koffer auf der Rückbank von Lindas Auto, während wir im Stau auf der Severinsbrücke stehen (ich kann mich immer noch an das Wühlen im Koffer erinnern, an unser Kichern, an Lindas Lachen. Wie die Kekse geschmeckt haben, was das überhaupt für welche waren, weiß ich gar nicht mehr. Ob wir sie überhaupt gefunden haben?) 

mit Matthias auf unserer Wanderung in die Hügel hinter Teiman

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst (J. W. Von Goethe). Paradox? Unsere ganze Welt ist paradox, wir sind paradox, jeden Tag. Wir sehnen uns nach unmittelbarem Glück, aber anstatt es zu erleben, arbeiten wir hart, damit wir es uns mit der Rente dann später mal leisten können. Wir brechen vor lauter harter Arbeit lieber auf unserem teuren Ledersofa zusammen, als glücklich auf einer ollen Couch zu sitzen. Wenn unser Alltag uns krank macht, zweifeln wir oft erstmal an uns, aber nicht an unserem Lebensstil, und wir nehmen Medikamente, damit wir wieder funktionieren. Wir vergessen, dass niemand, der gegeben hat, je arm geworden ist (Anne Frank). Wir bekommen den Friedensnobelpreis und investieren in die Rüstungsindustrie. Wir sind für einen Mindestlohn in Deutschland und kaufen Nike-Schuhe aus Sweatshops, wir finden fairen Handel wichtig und haben unser Geld auf einer Bank liegen, die mit Lebensmittelpreisen pokert. Wir sind superökohip und essen kein Fleisch, weil es schlecht für die Umwelt ist, nehmen aber zehn Stunden Flug nach Afrika in Kauf. Wir finden diesen ganzen Marken- und Vergleichswahn unserer Schüler und Kinder schrecklich, und posten doch selbst jedes kleine eigene Glück auf Facebook - um der Welt zu zeigen, dass wir nicht ganz so kaputt sind wie die Anderen da draußen und um uns selbst zu beweisen, dass wir doch gar nicht so übel darin sind ein erfülltes Leben zu führen. Tatsächlich warten wir unser ganzes Leben lang auf die Freitagnachmittage und auf die Ferien und am Sonntagabend und Ferienende schließlich sind wir müde und enttäuscht, weil wir ja doch nicht nachholen konnten, was wir unter der Woche verpasst haben. Wir lesen inspirierende Bücher, geben Geld für Seminare aus, in denen man uns sagt wie man das Leben genießt und glücklich wird und wir pinnen schlaue Zitate im Netz. Wir liken Videos von Slammern, die in einem hübschen Gedicht von der Wahrheit sprechen, die wir eigentlich doch alle kennen, und raffen uns trotzdem nicht auf. Es berührt unser Herz, wenn die junge Studentin sagt, dass wir anfangen sollten heute die Geschichten zu schreiben, die wir erzählen wollen wenn wir alt sind. Wir geben ihr Recht, aber wir finden tausend Ausreden, warum wir unseren Job nicht kündigen können, warum wir nicht jetzt tun und lassen können was uns glücklich macht (Ausreden, die wir noch nicht mal als solche erkennen). Und wir nennen jeden naiv und einen Träumer, der uns das vorwirft. Wir sehnen uns nach dem Leben, aber wir wagen nicht einmal, davon zu träumen.

Kindheitsglück

Hier in Afrika hab ich ja leicht Reden (und es kann ja jetzt nicht jeder nach Afrika fliegen). Weit weg von allen Pflichten, hier, wo die Sonne so groß ist und der Mond auf dem Kopf steht. Umgeben von lauter Träumern und Visionären, von jungen Hippies und selbsternannten Weltverbesserern, von Rucksackreisenden, die alles hinter sich lassen um im Siff der Hostels nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Weite, bunte Hosen tragend und im Räucherstächenrauch Geschichten teilend. Umgeben von Neunzehnjährigen, die alleine aus England nach Kenya hitchhiken (!) und von Achtzigjährigen, die durch Westafrika reisen. Raus aus allen alten Rollen und einen großen Schritt zurückgetreten, um besser sehen zu können, was da eigentlich los ist in der Gesellschaft und in dem System, das uns oft krank macht und das schon unsere Grundschüler depressiv werden lässt.

Keinesfalls habe ich die Wahrheit gepachtet, keinesfalls habe ich die Wahrheit gefunden im salzigen Ozeanwasser vor Ghanas Küste oder im trockenen Staub in Kenias Savannen. Ich hab nur mich selbst gefunden, unerwartet und zufällig. Als wir die grüne Schlange unter den Steinen auf dem Voi Hill angeguckt haben. Als wir unter Millionen Sternen und Planeten ein billiges Reis-mit-Kokosbohnen-Gericht gegessen haben, als wir kalt schwitzend versucht haben, dreißig aufgedrehte Kinder zu bändigen (erfolglos), unter den verständnislosen Blicken der Nachbarn. In der Blechhütte bei Schüttregen und Gewitter. Im Bus von Mbita nach Nairobi fahrend. Als die Sonne unterging über Tsavo East und alles in goldnes Licht getaucht war, als vor uns nur der endlose Himmel und die weite Savanne lag und man nichts hören könnte als die Vögel am Wasserloch. Beim Chapati-Braten barfuß in der Küche, bei dem es eigentlich mehr um das geschwisterliche Rumalbern ging als um die Chapati. Mit Schwester Anja im Zelt bei Regen und leiser Musik. Beim Dichten, "Cool cruising kids kindly carried on a kenyan camel", während wir mit dem Pikipiki über die unbefestigten Straßen gefahren sind. Wir haben Ameisen verglichen und Bäume bestaunt und Wörter und Formulierungen gesammelt, die schön klingen. Wir haben "rooftop romance and coconut rice" gefunden und Gabriel hat "chocablocks with nicnacs" entdeckt. Sinnlos alles, albern? Vielleicht.

Und vielleicht denkt jetzt einer, soll die mal erstmal wiederkommen. Soll die erstmal wiederkommen, ich mach ihr schonmal direkt auch n Friseurtermin. Soll die mal in meiner Situation sein oder ihr Referendariat im Mai anfangen mit Lehrproben und anstrengenden Kindern und Unterrichtsvorbereitungen. Vielleicht, vielleicht, hat derjenige ein bisschen Recht und vielleicht lache ich in zwei, zehn, fünfzig Jahren über meine naiven Texte, über die Unterrichtsversuche an ghanaischen Dorfschulen und den Glauben, dass ich doch tatsächlich einen Unterschied machen könne (wenn, dann hoffentlich später als früher). Ich will diese Leichtigkeit aber nicht einfach hier lassen, wenn ich in ein paar Wochen zurückfliege. Noch immer bekomme ich SMS aus Kenya, in denen steht "Sister sister sister, I found a cool new word my Dear...". Vielleicht wache ich auf, wenn ich wieder ins kalte Wasser der Heimat geschmissen werde, und dann schäme ich mich vielleicht, dass ich Euch all die leichtsinnigen Dinge gesagt habe. Manchmal würde ich auch lieber schlaue Sachen schreiben hier, die nach der schlauen Frau klingen, die Schule und Uni aus mir gemacht haben. Dann würde ich schreiben wie stolz ich auf die Aufsätze meiner Schüler bin und wie gut mein sprachsensible Mathematikunterricht klappt (Ha!). Aber ich weiß so wenig grade und fühle mich aber so lebendig. Und um ein kreatives Leben leben zu können, müssen wir die Angst verlieren, falsch zu liegen und zu scheitern (J. C. Pearce). Die Angst davor ebenso wie die Erinnerung daran.

Ebenezer und Emanuela in Teiman

Listen to the MUSTN'TS, child,
      Listen to the DON'TS
      Listen to the SHOULDN'TS
The IMPOSSIBLES, the WONT'S
      Listen to the NEVER HAVES
Then listen close to me-
      Anything can happen, child,
ANYTHING can be.

(Shel Silverstein)

Fledermäuse über Kumasi, Könige im Palast und kontrollierter Stromausfall zu Hause- That's Ghana For You

12Jan2014

Bevor die Schule am Montag losgeht und wir ins neue Halbjahr starten, haben Mariah und ich das Wochenende genutzt, um Kumasi zu erkunden. Die große Stadt liegt nördlich von Accra und mit dem Bus kommt man günstig hin. Die Busse wirken im Vergleich zu Kenia total verkehrssicher und haben sogar eine Klimaanlage. Für 7 Euro gibt's also fünf Stunden Kühlschrank-Busfahrt durchs grüne Ghana (überall hier ist üppig und wild bewachsener Dschungel) inklusive Nollywood-Entertainment (nigerianische Filme oder Serien mit grausamer Soundqualität, amateurhafter Kameraführung, Schnitte à la Powerpoint-Präsentation eines Siebtklässlers und überraschend schlechter schauspielerischer Qualität- da lobe ich mir doch wieder meinen Lieblingsluxus-Gegenstand: meinen ipod).

Wir übernachten bei Couchsurfer Selasie und seiner Frau Hannah auf ihrem alten Sofa und auf dem Wohnzimmerboden ihrer kleinen Zweizimmerwohnung. Wir werden herzlich aufgenommen von den beiden, obwohl Selasie erkältet ist und Hannah viel arbeiten muss und müde wirkt, und erleben ein Stück ghanaischen Alltag ganz authentisch. Ein Hoch aufs Couchsurfing!

mit unseren Gastgebern Selasie und Hannah

In Kumasi steht auch der Palast des Asante-Königs, also gibt es in der Stadt viel über die Asante-Kultur zu erfahren (die Asante sind der größte Stamm in Ghana). Diese Kultur mit Dorfchefs und einem König ist uns ganz fremd, aber es ist interessant zu sehen, welche Bedeutung diese Ämter noch heute neben den offiziellen politischen Ämtern Ghanas haben. Das Frauenbild der Asante geht überhaupt nicht einher mit Mariahs und meinen Vorstellungen- und auch nicht mit denen der (wenigen) modernen mutigen Ghanaerinnen der Städte. Überhaupt weckt Ghana den Feminismus in uns, dazu später an anderer Stelle mal mehr.

Im Königspalast-Museum treffen wir aber eine fast achtzigjährige Dame aus Australien, die seit gut zwanzig Jahren verwitwet ist und jetzt ihren "wheelchair fund" für eine Reise durch Westafrika nutzt. Sie war schon in Togo, Benin, Burkina Faso- allein reisend. Im Sommer hat sie erst ihr zweites Studium abgeschlossen, Kunst und Spanisch hat sie studiert inklusive Auslandssemester in Mexiko. Soviel zum Thema "solo female travelers".

Wir konnten dann in einem Dorf etwas außerhalb der Stadt über's traditionelle Kente-Weben der Asante lernen- das ist echt saumäßig viel Arbeit, an einem Stück Kente sitzt ein Weber bis zu sechzig Tage lang, aber der Stoff sieht auch wirklich schön aus. Und die Jungs (Weben ist hier Männerarbeit, während die Frauen auf dem Feld arbeiten) wissen was sie tun, sie klackern ganz schnell mit den Webschiffchen umher und weben komplizierte Muster.

ein junger Kente-Weber bei der Arbeit

Der Markt in Kumasi ist der größte Westafrikas- überall Menschen, Verkäufer, Stimmen, Frauen mit Körben und Kisten auf dem Kopf, Lebensmittel, dunkle und dunkler werdene Gassen, bunte Stoffe, Hühner, Tierbeine, Fische, Schuhmacher, und Leute, die mit ihren Werkzeugen klappern und an Ort und Stelle eine Pediküre anbieten. Natürlich haben wir uns darin verlaufen, aber so bekommt man ja nur noch mehr Interessantes zu sehen. Eine Stunde auf dem Markt ist jedenfalls eine echte Reizüberflutung, tausend Gerüche, Geräusche, Farben.

wildes Markttreiben herrscht unter diesen Dächern

Wir krachen mit hastenden Marktfrauen zusammen, die dennoch die großen Töpfe auf dem Kopf nicht fallen lassen. "Obruni, Obruni", Weiße, Weiße, Hände berühren uns, eine jungen Frau mit zarten Schweißperlen auf der Stirn nickt mir auffordernd zu und bückt sich zu ihrem übergroßen Korb mit Yamwurzeln hinab. Ich verstehe spät, tue dann nach, was ich schon öfter beobachtet habe, packe ebenfalls an und hieve den Korb mit auf ihren Kopf. Sie lächelt, zieht dankend die Augenbrauen hoch: "God bless you, sister", und verschwindet im Getümmel. Überhaupt wirkt die ganze Stadt wie ein einziger Markt, wir schwimmen im Strom und genießen den bunten Rausch, der im fast westlich entwickelten Accra weniger zu spüren ist. Über dem Park in der Innenstadt schwirren hunderte goße Fledermäuse, sie hängen gruselig an den Ästen der Bäume hinab. Auf den Straßengrills liegen sie dann geröstet neben Maiskolben auf dem heißen Gitter- schwarz, filigran, grotesk. Wir passieren auch die Marktstände (das heißt in dem Fall: Die mit Waren überladenen Plastikfolien auf dem Boden) mit Schweinehufen und Gemüse. Es riecht unangenehm, wo ein Mann ein paar Meter weiter mit einem Beil schwungvoll Kuhhufe (glaube ich) spaltet. Knochenstücke fliegen umher, Fleischstücken kleben überall auf dem Asphalt. Das um-den-Dreck-herumtrippeln habe ich schon in Nairobi abgelegt, mit den gleichen Flipflops, mit denen ich auf Mfangano im Bach gebadet habe, laufe ich jetzt über den Markt. Ich halte die Luft an und tauche an den Fleischern vorbei (ich kann ja schon die Fleisch- und Fischtheke in der Metro nicht ausstehen...) und wir kaufen lieber frische Kokosnuss bei einer zahnlosen alten Frau (bald mehr zum Thema "Vegetarisch in Afrika"...)

Marktfrauen am Straßenrand

Zurück mit dem Nollywood-Bus ins schwüle, Accra. Extra schwül vor allem deshalb, weil die Regierung den Strom für ein paar Tage abgestellt hat (Warum auch immer? Immer wenn wir uns das fragen, Warum, Why, but why?, antworten wir nur noch mit: "Why? Ghana, that''s why. That's Ghana for You!") Wir haben keinen Ventilator und kein fließend Wasser bis Dienstag Abend und statt langer Dusche gibt's also eine "bucket shower". Unser Kühlschrank fängt an zu stinken und auf dem Wohnzimmertisch entsteht ein Elektrogeräte-Friedhof, ein Laptop nach dem anderen, ein Handy nach dem anderen gibt den Geist auf. Wir essen bei Kerzenlicht und verschieben das Planen des Unterrichts auf die frühen Morgenstunden. Erste Welt Probleme, schätze ich.

Beste Grüße!

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